|
Tao Te King von Lao Tse |
F. Fiedler, 1899 Home | Index |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
| 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 |
| 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 |
| 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 |
| 37 | 38 | 39 | 40 | 41 | 42 | 43 | 44 | 45 |
| 46 | 47 | 48 | 49 | 50 | 51 | 52 | 53 | 54 |
| 55 | 56 | 57 | 58 | 59 | 60 | 61 | 62 | 63 |
| 64 | 65 | 66 | 67 | 68 | 69 | 70 | 71 | 72 |
| 73 | 74 | 75 | 76 | 77 | 78 | 79 | 80 | 81 |
In jüngster Zeit sind mehrere neue Übertragungen des Tao-te-king erschienen. Indem ich die vorliegende veröffentliche, hoffe ich, daß gerade in ihrer Fassung der Tao-te-king sich dem Gedächtnis unsrer Gebildeten einprägen werde. Denn es bedünkt mich, wenn ich sie mit anderen vergleiche, daß wir in ihr die klassische besitzen; oder wenigstens die, welche dem Ideal einer klassischen am nächsten kommt und offenbar aus bewußtem Willen zu einer solchen hervorgegangen ist. Fiedler scheint es sich zum Gesetz gemacht zu haben, nicht mehr und nicht weniger Worte zu gebrauchen als die Grundschrift, nicht klarer und nicht dunkler zu sein als sie, ihren fremdartigen, fremdländischen Charakter zu wahren, kein gesuchtes Pathos in seine Übertragung hineinzulegen und dennoch mit jedem Satz zu verstehen zu geben, daß es sich nicht um eine profane Abhandlung oder um geistreiche Aphorismen, sondern durchaus um ein heiliges Buch handle; doch so, daß die Feierlichkeit sich bei größter Sachlichkeit und Nüchternheit des Textes von selbst einstellt.
Fiedlers künstlerische Übertragung wird die Benutzung von wissenschaftlichen Übersetzungen und Einleitungen nicht überflüssig machen; für das große Publikum dürfte die von Wilhelm im Verlag Eugen Diederichs herausgegebene in erster Linie in Betracht kommen. Beim Vergleich beider wird man im wesentlichen Übereinstimmung in der Auffassung und Ausdeutung des Textes feststellen; an einzelnen Stellen wird der Leser dem Sinologen Wilhelm mehr glauben, an anderen aber vielleicht auch geneigt sein, das Mißverständnis auf der Seite dieses Wissenschaftlers zu sehen. Aber ich denke, für alle etwaige philologische Unzulänglichkeit - Fiedler schuf sein Werk ohne irgendwie tiefer eindringende, vielleicht ohne jede Kenntnis der chinesischen Sprache - entschädigt unendlich die sprachliche Kraft und Schönheit, der Stil und der Rhythmus seines Werkes, das eben eine wirkliche Neuschöpfung ist. Ich möchte es durchaus mit der Bibelübersetzung Luthers vergleichen, die ja, seinen mangelhaften Hilfsmitteln entsprechend, wissenschaftlich nicht zuverlässig und tadellos, aber durch und durch große Dichtung ist und als solche ewigen und unbedingten Wertes. Es ist lehrreich, unter diesem Gesichtspunkt Abschnitt für Abschnitt die Übersetzungen Wilhelms und Fiedlers zu vergleichen. Wilhelm. "Er mildert ihre Schärfe. Er löst ihre Wirrsale. Er mäßigt ihren Glanz. Er vereinigt sich mit ihrem Staube" (4). Fiedler: "Es biegt seine Spitze, gießt aus seine Fülle, bequemt seinen Glanz an, wird eins dem Staube." Also auch eine inhaltliche Differenz, in der ich keine Entscheidung fällen kann; aber selbst wenn hier ein Übersetzungsfehler Fiedlers vorläge - wer möchte ihn wegwünschen? Nicht wenige der schönsten Bibelworte in Luthers Fassung beruhen auf Übersetzungsfehlern oder Mißverständnissen ("Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Gebärden, sondern es ist inwendig in euch." "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?" u. v. a.). Möchte man sie missen oder verbessern? Darauf kommt es an, daß der Übersetzer seinem Autor so ebenbürtig und so verwandt ist, daß er aus eigener Fülle etwas hervorbringt, was den großen Schwung des Urtextes nicht unterbricht und gedanklich seines Platzes würdig ist. Ein anderes Beispiel. Wilhelm: "Höchste Güte ist wie das Wasser. Des Wassers Güte ist es, allen Wesen zu nützen ohne Streit. Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. Drum steht es nahe dem "Sinn". Beim Wohnen zeigt sich die Güte an dem Platze. Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe. Beim Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe. Beim Reden zeigt sich die Güte in der Wahrheit. Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung. Beim Wirken zeigt sich die Güte im Können. Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit. Wer sich nicht selbst behauptet, bleibt eben dadurch frei von Tadel." Damit vergleiche man Fiedlers wundervolle Umdichtung des 8. Spruches. Hier hat man zugleich das unabweisbare Gefühl, daß diese subalterne Auffassung des Wissenschaftlers auch inhaltlich dem Urtext nicht gerecht werden kann. Oder. "Wer in seinem Ich die Welt liebt, dem kann man wohl die Welt übergeben" (Wilhelm; Spruch 13). Fiedler.-"Wer den Staat wie den Leib liebt, dem lasse man den Staat." (Doppelsinn: wer sich nicht zum Herrschen drängt - denn Leib ist Last - keine Leidenschaft zum Herrschen hat, und dem das Herrschen natürliche Bestimmung ist). Wieviel schöner und beziehungsreicher ist es, wenn Fiedler sagt: "so ist der Nichtgute des Guten Gut", als wenn es bei Wilhelm heißt: "und macht die nichtguten Menschen zum Stoff für die Guten." Aber so könnte man Spruch für Spruch durchgehen.
Fiedlers Übersetzung ist im Jahre 1899 entstanden und war nur handschriftlich in einem kleinen Freundeskreis verbreitet; veröffentlicht habe ich sie zum ersten Mal für einen kleinen Leserkreis in der "Freien Schulgemeinde", Juli 1918. Fiedler ist im Jahre 1900 noch nicht 25jährig, aus unserer Mitte geschieden.
Der Tao-te-king, entstanden vor gerade zwei und einem halben Jahrtausend, ist die älteste und erhabenste Lehre vom Übermenschen. Vom Übermenschen im Sinne Asiens, und man braucht mit ihm nur die klassische Urkunde des europäischen Ideals zu vergleichen, um schon in der Form und Diktion des ungeheuren Unterschieds, vielmehr des polaren Gegensatzes inne zu werden. Beides Aphorismensammlungen; aber bei uns Temperament, Witz, Wagnis, bei jenem wandelt der Heilige wie ein gewichtiger Wagen. Uns heißt Mensch sein, Kämpfer sein, und Übermensch Held sein. Jenen ist der Heilige der tatlos Tuende, der nicht Kämpfende. Das ist der Gegensatz von Asien und Europa. Asien ist wie die große, in sich ruhende Eizelle, Europa wie das kleine, aber bewegliche und aktive Spermatozoon. Wir glauben an den Geist "der immer Mann ist", Asien "ehrt die Nährmutter"; "der Geist der Tiefe, unsterblich, ist dunkles Weib." Wir sind hinausgedrängt auf einen gegliederten, zerklüfteten Halbinsel-Kontinent, unser Prinzip oder Schicksal mußte Intensivierung, Bewegung, Persönlichkeit, Eroberertum, Freiheit, Wagnis sein. Losgelöst von der mütterlichen Scholle, der unendlichen Ackerflächen entbehrend, mußten wir unsre Welt uns selbst schaffen, unser Gesetz in uns selbst tragen, tierhaft umherschweifend, nicht pflanzenhaft wurzelnd. Gegenwärtig aber scheinen wir wirklich vor die Frage gestellt zu sein, ob wir uns selbst, unser Wesen, unser Schicksal und Lebensgesetz bejahen wollen. China und Indien werden die Länder, die Kulturen unserer Sehnsucht und Verehrung und überstrahlen Hellas. Aber ein anderes heiliges Buch Asiens warnt uns: besser die eigene Pflicht, und sei es auch unter Gefahren, erfüllen, als in Sicherheit und um der Sicherheit willen die Pflicht eines anderen.
Die chinesische Rasse hat sich als Dauertypus auf der Erde eingerichtet, die Existenz der europäischen bleibt ewig problematisch. Sie trägt ihr Leben auf des Schwertes Spitze. Ihre Volksmenge vermehrt sich nicht gemäß der Ergiebigkeit der Scholle, sondern im Vertrauen auf die Allmacht der Wissenschaft und der abstrakten Arbeit. Die tragende, nährende Scholle versinkt, verschwindet, wird unsichtbar. Alles ist Menschenwerk, die Welt ist nicht Ackerfläche, sondern Markt. Chinas Weisheit besteht darin, das heilige Walten der Weltordnung nicht zu stören durch Menschentun, vielmehr es alles Tun der Menschen mit durchdringen zu lassen. Wir bestürmen die "Natur" mit Fragen, ringen mit ihr, möchten sie meistern, glauben nur an den Geist und geben uns selbst unsre Gesetze. Werden wir jetzt, enttäuscht, ermüdet, belehrt, unser Europäertum aufgeben und zu den Füßen der erhabenen Völkerlehrer Asiens einen Frieden suchen, - für den wir nicht bestimmt sind?
Aber eines ward uns als Entgelt für die Unruhe und Unstätheit unseres Eroberertums zuteil: die Fähigkeit, fremdes Gut zu schätzen, fremde Gedanken zu verstehen, fremde Größe zu verehren. Und so braucht uns Fremdes doch nicht entweder ganz verloren zu gehen oder Fremdkörper zu bleiben. Diese große Assimilationsfähigkeit gehört mit zu unserer räuberischen Natur. Nicht unser Wesen konstituierend, aber, begrenzend und regulierend, nicht unmittelbar, sondern mittelbar wird fremde Größe in ihm wirksam werden können.
Fiedler hat den Zentralbegriff Lao-tses "Tao" mit "Gut" übersetzt (den anderen, häufig vorkommenden, "Te" mit "Tugend"). Am besten wäre es vielleicht, man ließe es ganz unübersetzt, doch ging das nicht an in einer Übertragung, die das Werk in das deutsche Sprachgut einordnen sollte, sowenig wie etwa Luther den "Logos" unübersetzt lassen konnte. Was mit dem "Tao" gemeint ist, ergibt sich erst aus dem Ganzen, und man kann vielleicht jenes Wort des Tao-te-king selbst auf es anwenden - "Dreißig Speichen laufen zur Nabe, durch ihr Nicht wird der Wagen gut." Tao ist kein formulierbares Prinzip, aus dem man eine Ethik ableiten könnte; was es einheitlich ist, ergibt sich aus den Tao-gemäßen Handlungen, die von allen Seiten auf es zuführen, ohne daß es selbst sichtbar wird, und also ohne daß es weder zum Götzen noch zum Dogma werden kann. Aber Tao ist trotzdem nicht jenes die europäische Mystik aller Zeiten beherrschende Absolute und letztes Seiende, von dem man nur in Negationen reden kann; es hat viel konkreteren Charakter, es ist der Weltencharakter selbst, und darum kann es zum Gesetz des Volkscharakters und des idealen Menschen, des Heiligen, werden. Fiedler hat mit seiner Übersetzung ("das Gut") wohl an den platonischen Begriff des "Agathon" erinnern wollen, die höchste, alle anderen in sich begreifende Idee, und zugleich als das von allen Wesen Erstrebte der Weltbeweger. Das "Gute" aber kann deshalb die oberste Idee (Gattung) sein, weil der Begriff des Guten sozusagen absolute Relativität ist: gut ist etwas nie für sich, sondern nur für andere. So ist diese oberste Idee sozusagen die absolute und restlose Selbsthingabe, und also fähig, den Kosmos der Ideen mit (logischer) Notwendigkeit zu fordern, aus sich zu setzen. Das Wort: Gott ist Liebe, sagt etwa dasselbe. Es bedarf keines Nachweises, daß dies auch die Grundeigenschaft des Tao ist.
1
Das Gut, sagbar, ist nicht ewiges Gut. Der Name, nennbar, ist nicht ewiger Name. Das Namenslose ist des Himmels und der Erde Wurzel, das Namige aller Wesen Mutter.
Drum, wer begierdelos, schaut jenes Innen; wer begehrend, seine Grenze.
Diese zwei sind an Ausgang eins, an Namen verschieden. Ungetrennt heißen sie dunkel, des Dunkeln zwiefach Dunkel, alles Geistes Tor.
2
Erkennt die Welt des Schönen Schönheit, so auch das Häßliche; erkennt sie des Guten Güte, so auch das Böse. Denn Sein und Nichtsein zeugen einander, Schwer und Leicht krönen einander, Lang und Kurz zeigen einander, Hoch und Niedrig wenden einander, Ton und Klang heben einander, Vor und Nach folgen einander, Darum tut der Heilige das Tatlose. Tun nicht Wort ist seine Lehre. Alle Wesen kommen, und er weigert sich ihnen nicht. Er schafft und hat nicht. Er tut und achtets nicht. Er vollbringt das Gute und weilt nicht. Weilt er nicht, verliert er nicht.
3
Nicht heben den Weisen, meidet Zank im Volke. Nicht Schätze schätzen, meidet Diebstahl im Volke. Nicht Lockendes ansehen, macht das Herz nicht wirr. So läutert der Heilige, herrschend, sein Herz und füllt sein Inneres; er schwächt seinen Trieb und stärkt die Tatkraft. Er befreit das Volk von Wissen und Begierde, läßt die, welche wissen, nicht wagen, es zu tun. Tut er das Tatlose, dann fehlt wohl die Ordnung nicht.
4
Das Gute ist leer; und braucht es des, so wird es nie erfüllt. Ja, eine Tiefe, und wie aller Wesen Ahn. Es birgt seine Spitze, gießt aus seine Fülle, bequemt seinen Glanz an, wird eins mit dem Staube. Ganz still, ists gleich dem Sein. Ich wüßte nicht, wes Sohn es wäre. Es formt sich, des Herrn Vorfahr.
5
Himmel und Erde haben nicht Menschenliebe; ihnen sind alle Wesen wie ein Heuhund. Der Heilige hat nicht Menschenliebe; ihm sind die Leute wie ein Heuhund. Was zwischen Himmel und Erde, gleicht es nicht der Sackflöte? Leer, und wird nicht erschöpft; je mehr sichs bewegt, um somehr geht es heraus. Viel drüber reden ist eitel; besser das Innen halten.
6
Der Geist der Tiefe, unsterblich, ist dunkles Weib. Aus dunklen Weibes Tor wächst Himmel und Erde. Je und je gleichts dem Sein, man brauchts ohne Mühe.
7
Himmel bleibt und Erde steht. Himmel kann bleiben und Erde stehen, weil sie nicht sich leben. Darum läßt der Heilige Ich und schreitet selbst vor, verliert Ich und wird selbst erhalten. Nicht, weil er nichts Selbstisches hat? So darf er sein Selbst vollenden.
8
Der höchst Gute ist wie das Wasser ~ Wasser ist gut, nützt allen Wesen, stößt niemand, bewohnt, was die Menschen meiden: nahe dem Gut! Wohnend liebt er die Erde, ersinkend den Abgrund, gebend die Nächsten, sprechend die Wahrheit, herrschend das Gesetz, dienend die Gabe, handelnd die Zeit. Nicht streitend, darum nicht bemurrt.
9
Fassen und zugleich füllen geht nicht wohl an. Befühlen und zugleich schleifen, geht nicht lange. Ein Saal voll Gold und Edelstein geht nicht zu bewachen. Reich und vornehm und zugleich hochmütig, vererbt sich selbst die Schuld. Tüchtiges vollbringen, Ruhm erlangen und sich zurückhalten, ist nach himmlischem Gut.
10
Wer dem Denken den Trieb beugt und Einheit umfaßt, kann nicht geteilt werden. Zwingt er die Seele zur Weichheit, so wird er wie ein neugeborenes Kind. Nach getanem Läutern tiefes Schauen; er kann ohne Fehl sein. Liebt er die Leute und richtet das Reich, so kann er tatlos sein. Die Himmelstore tun sich auf und zu, er gleicht der Vogelmutter. Lichthell rings sehend kann er das Wissen entbehren. Er schafft und nährt, schafft und hat nicht, handelt und achtets nicht, erhält und besitzt nicht. Das heißt tiefe Tugend.
11
Dreißig Speichen laufen zur Nabe; durch ihr Nicht wird der Wagen gut. Man formt das Gefäß aus weichem Ton; durch sein Nicht wird das Gefäß gut. Man bricht Türen und Fenster beim Hausbau; durch ihr Nicht wird das Haus gut. So bewirkt das Sein den Besitz, das Nicht das Gute.
12
Die fünf Farben blenden des Menschen Blick; die fünf Töne betäuben des Menschen Ohr; die fünf Schmäcke verwirren des Menschen Mund; Jagd und Rennpferd rauben des Menschen Herz; mühsame Schätze machen verderblich der Menschen Tun. Darum lebt der Heilige sein Inneres, nicht seine Augen. Darum läßt er dies und hält jenes.
13
Gunst und Ungunst ~ gleich Angst, Würde große Last gleich dem Leib.
Wie ist Gunst und Ungunst gleich Angst? Gunst macht niedrig; sie erlangen ist Angst, sie verlieren ist Angst. So ist Gunst und Ungunst Angst. Wie ist Würde große Last gleich dem Leib? Leibisch haben wir große Last; hätten wir leiblos noch Last? Drum, wer den Staat wie den Leib liebt, dem lasse man den Staat.
14
Du schaust, und siehst es nicht; es heißt blaß. Du horchst, und hörst es nicht; es heißt gering. Du greifst, und faßt es nicht; es heißt fein. Diese drei sind unforschlich; zusammen sind sie Eins. Sein Oben nicht hell, sein Unten nicht dunkel, stets namenlos, weichend ins Nichtsein, ist es des Formlosen Form, des Bildlosen Bild; unscheidbar. Ihm entgegen siehst du nicht sein Haupt, ihm nach nicht seinen Rücken. Faßt du das Gut des Alten, um das Sein des Jetzt zu befassen, das heißt des Gutes Netz.
15
Die Besten der Vorwelt, die Lehrer, waren fein, geistreich, tief, klug. Versteckt: unverständlich. Da sie unverständlich, will ich sie zu zeigen suchen. Sie waren vorsichtig, wie Gehen überm Winterstrom; bedenklich, wie Scheuen den Nachbar; gesetzt, wie der Gast; zergehend, wie Taueis; kernig, wie Urholz; leer, wie ein Tal; trübe, wie Sumpfwasser. Kann wer trübes Wasser durch Ruhe sich setzen lassen? Kann wer durch Ruhe und Zeit jene erwecken? Wer jener Gut hält, will nicht Vollsein; so kann er nur abgerissen, nicht neu vollendet sein.
16
Der Reinheit Höhe ist Ruhe. Alles kommt und geht. Entwickelt, kehrt jedes zum Quell. Rückkehr zum Quell heißt Ruhe. Ruhe heißt Auftragserfüllung. Erfüllung heißt Ewigkeit. Ewigkeit kennen heißt Licht. Ewigkeit verkennen schafft Schuld und Leid. Wer Ewigkeit kennt, ist weit; weit, so gerecht; gerecht, so erlaucht; erlaucht, so heilig; heilig, so des Gutes; des Gutes, so ewig: Leib versinke: er fürchtet nichts.
17
Von den Urherrschern wußte das Volk nur, sie wären. Spätere liebten und lobten sie. Spätere verachteten sie. Kleinglaube, kein Glaube. Wie weise ihre werten Worte! Verdienst vollzog sich, Taten glückten. Alle Welt sprach: wir leben von selbst.
18
Verlassen des hohen Guts schuf Recht und Pflichten. Gewandte Klugheit schuf großes Heucheln. Zwist des Hauses schuf Kindesgehorsam und Elternliebe. Zerfallenes, zerrüttetes Reich schuf treues Volk.
19
Weg Weisheit, laßt Klugheit, und tausendmal glücklicher als das Volk. Weg Pflichten, fort Recht, und das Volk kehrt zu Kindesgehorsam und Elternliebe. Weg Selbstsucht, fort Gewinn, es schwindet Räuber und Dieb. Zu diesen dreien: Scheint ärmlich der Trug, so nehmt was genug. Faßt schlichte Reinheit, senkt Selbstheit, dämpft Begierde.
20
Ohne Lernen kein Kummer. "Hm" und "ja", wie nah! Gut und Schlecht, wie fern! Was man noch fürchtet, muß man wohl fürchten. Des Unkrauts, ach, kein Ende. Die Leutez jauchzen zusammen wie beim Schlachtfest, wie beim Ersteigen der Frühlingshöhe. Und ich liege vor Anker, ohne Vorzeichen, ein Kind, noch nicht lächelnd, ich fahre, und fahre ohne Wegziel. Die Leute sind voll, der Einsame leer; mein Herz ist dumpf und im Strudel. Die Leute sind hell und licht, der Einsame dunkel. Die Leute klar, der Einsame trüb, verachtet, wie See, rastlos getrieben. Die Leute sind brauchbar, der Einsame ratlos, ein Tölpel. Der Einsame ist anders als die Leute: er ehrt die Nährmutter.
21
Der leeren Macht Inhalt, nur dem Gut folgt er. Gut, das ist wohl Sein, doch unfaßlich, ungreiflich; sein Innen die Bilder. Unfaßlich, ungreiflich; sein Innen das Sein. Undenkbar, dunkel; sein Innen der Geist. Dieser Geist ist höchst treu; sein Innen die Wahrheit. Von alters bis jetzt seines Namens kein Ende, da Es ersah der Vielheit Quell. Woher weiß ich, daß so der Vielheit Quell? Durch Es!
22
Krumm werde vollkommen, ungleich werde eben, tief werde gefüllt, entzwei werde neu, klein werde erlangt, viel werde verfehlt. So umfaßt der Heilige das Eine, ein Maß der Welt. Sich nicht sehend, glänzt er; sich nicht recht, wächst er; sich nicht rühmend, wird er ruhmreich; sich nicht erhebend, ragt er. Er kämpft nicht, so bekämpft die Welt ihn nicht. Der Alten Spruch "krumm werde vollkommen", ist leeres Wort? Der wahrhaft Vollkommene - die Heimkehr ist da.
23
Kurze Rede spricht selbst. Sturm währt keinen Morgen, Regenguß keinen Tag. Wer macht diese? Himmel und Erde. Sie können nicht lange; weit minder der Mensch! Wes Tun gleicht dem Gut, wird eins mit dem Gut. Der Rechte wird eins dem Rechten; der Schlechte eins dem Schlechten. Wer eins wird dem Gut, das Gut auch freut sich sein. Wer eins wird dem Schlechten, das Schlechte auch freut seine Schlechtheit. Kleinglaube, kein Glaube.
24
Wer geht, steht nicht; wer spreizt, geht nicht. Wer sich sieht, glänzt nicht; wer sich recht ist, wächst nicht; wer sich rühmt, ist ruhmlos; wer sich hebt, ragt nicht. Er vor dem Gut, wie Speiserest, wie Unsitte. Jedes Wesen verabscheut ihn. Nicht so, wer das Gut hat.
25
Ein Wesen ist, unscheidbar vollkommen, vor Himmels und Erden Geburt. So still und leiblos. Es steht ohne Wandel, geht rings ohne Anstoß. Nehmts für der Welt Mutter. Nicht weiß ich ihm Namen; benahmse ichs, nenne ichs Gut. Bemüht, es zu nennen, nenn ichs erhaben; als erhaben nenne ichs Überwesen; als Überwesen nenne ichs Fern, als Fern nenne ichs Heimkehr. Denn das Gut ist erhaben. Viel Erhabene sind in der Welt, deren einer der Herrscher. Der Mensch lebt die Erde, die Erde den Himmel, der Himmel das Gut, das Gut sich selbst.
26
Schwer ist Wurzel von Leicht, Ruhig Herr von Erregt. Der Heilige wandelt drum stets wie ein gewichtiger Wagen. Hat er auch Schlösser ~ ruhig bewohnt, ruhig verläßt er sie. Wie aber, wenn der zahllosen Wagen Herr sebstisch das Reich leicht nimmt? Nimmt er leicht, so verdirbt er das Volk; ist er erregt, verliert er den Thron.
27
Der gute Gänger läßt kein Gleis; der gute Redner verspricht sich nicht; der gute Rechner braucht keine Tafel; der gute Wahrer nicht Schloß noch Riegel, und doch wird nicht geöffnet; der gute Knüpfer keinen Strick, und doch wird nicht gelöst.
Daher hilft der Heilige stets den Menschen und verstößt keinen, stets den Wesen und verstößt keins, das ist Doppelglanz. So ist der Gute des Nichtguten Führer und der Nichtgute des Guten Gut. Den Führer nicht ehren, das Gut nicht lieben ist törichte Klugheit.
Das heißt wichtig und richtig.
28
Wer sich männlich weiß und weiblich hält, ist der Welt Flußbett. Der Welt Flußbett, läßt er die stete Tugend nicht; er verjüngt sich zum neugeborenen Kind.
Wer sein Licht weiß und sein Dunkel hält, ist der Welt Gesetz. Der Welt Gesetz, irrt seine stete Tugend nicht; er verjüngt sich zum Zielfreien.
Wer sich erlaucht weiß und Demut hält, ist der Welt Talgrund. Der Welt Talgrund, fußt seine stete Tugend fest; er verjüngt sich zum Urholz.
Urholz zerteilt, wird Werkzeug. Gebraucht der Weise sein Urholz, so wird er höchster Herrscher: er herrscht herrlich und heilig.
29
Wollte man die Welt nehmen oder machen, es ginge nicht. Die Welt ist des Weltgeists Gefäß; man kann sie nicht machen. Der Macher verdirbt sie, der Nehmer verliert sie.
Denn die Wesen gehen und kommen, atmen ein und aus, werden stark und werden schwach, steigen und sinken.
Darum verschmäht der Heilige Ehrgeiz, verschmäht Überhebung, verschmäht Größe.
30
Wer im Gut dem Menschenkönig zur Seite steht, ohne Waffen bewältigt er das Reich. Sein Tun fällt auf ihn zurück. Wo Heere sind, wächst Unkraut. Großem Krieg folgt Hungerjahr. Der Gute siegt, ~ fertig; er wagt nicht zum Zwang zu greifen. Er siegt, ohne Ruhmsucht; er siegt, ohne Gepränge; er siegt, ohne Anmaßung; er siegt, wo er muß, er siegt, ohne Zwang.
Etwas erstarkt, alterts dann: das heißt gutlos. Gutlos endet früh.
31
Waffenschmuck ist Unheilswerkzeug. Die Menschen irren, sie zu hassen; wer das Gut hat, sagt das nicht. Sitzt der Hohe daheim, so schätzt er die Linke; braucht er Waffen, so schätzt er die Rechte. Waffe ist Unheilswerkzeug, nicht Werkzeug des Weisen. Muß er, braucht er sie; doch besser Ruhe und Frieden. Er siegt, doch nicht gern. Gern, wäre Freude am Mord. Freude am Mord kommt nicht zum Ziel im Staat. Glückliches Tun zieht die Linke, unglückliches die Rechte vor. Der Unterfeldherr steht links, der Oberfeldherr rechts; ein Bild der Leichenfeier. Wer viele Männer getötet, beweine sie voll Trauer und Mitleid. Wer kämpfend gesiegt, stehe wie bei Leichenfeiern.
32
Das Gut als ewig ist namenlos. Den Urstand so zart wagt die Welt nicht zu binden. Könnten Fürsten und Herrscher es halten, alles diente von selbst; Himmel und Erde würden eins, träufend Tau des Lebens; das Volk führte niemand, es wäre von selbst gerecht.
Was anfängt zu schaffen, hat Namen. Ist Name da, so haltet ihn. Wer ihn halten kann, ist ohne Gefahr. Des Guten Erdensein ist Bach, Fluß, Strom, Meer.
33
Wer Menschen kennt, ist klug; wer sich kennt, erleuchtet. Wer andere besiegt, ist stark; wer sich besiegt, ist groß. Wer Genüge kennt, ist reich; wer tapfer strebt, hat Willen. Wer sein Wo nicht verliert, dauert; wer stirbt und nicht verlischt, hat ewiges Leben.
34
Das große Gut wogt rings, ist links und rechts. Alle Wesen trauen ihm, um zu leben, und es spricht nicht. Vollbrachtes Werk nennts nicht Eigentum. Es liebt und speist alle Wesen und macht nicht den Herrn. Es ist ewig, trieblos: ein Nichts zu nennen. Alle Wesen sind ihm zugewandt und es macht nicht den Herrn: das All zu nennen. Drum macht der Heilige nie den Großen; so reift seine Allheit.
35
Wer das hehre Urbild hält, zu dem kehrt sich die Welt; kehrt sich ~ kein Leid, nur Ruhe, Frieden, Weite. Bei Klang und Kuchen bleibt der vorbeigehende Fremde stehen; geht das Gut aus dem Munde, ists fade, geschmacklos! Es sehen, reicht nicht zum Sehen; es hören, reicht nicht zum Hören. Es brauchen, ist endlos.
36
Was sich einziehen will, hatte sich sicher ausgedehnt; was schwach werden will, war sicher stark; was sinken will, war sicher gestiegen; was genommen werden will, war sicher gegeben. Das heißt: Verborgenes wird offenbar. Weich besiegt hart, schwach besiegt stark. Den Fisch kann man nicht aus der Tiefe ziehen; nicht kann des Staates scharfes Werkzeug die Menschen bessern.
37
Das Gut ist ewig ohne Tun und ohne Nicht-Tun. Könntens Fürsten und Herrscher halten, alle Wesen würden von selbst verwandelt. Wollten sie verwandelt sich erheben, mit des Namenlosen Urstand hielte man sie.
Des Namenlosen Urstand schenkt Nichtbegehren, Nichtbegehren bringt Ruhe, und alle Welt wird von selber reich sein.
38
Obere Tugend keine Tugend, daher Tugend. Untere Tugend fehllose Tugend, daher nicht Tugend. Obere Tugend ist ohne Tun und bezweckt kein Tun; untere Tugend tut und bezweckt Tun. Obere Menschenliebe tut und bezweckt kein Tun. Obere Gerechtigkeit tut und bezweckt Tun. Hoher Anstand tut; nicht getan, hebt er den Arm und zwingt. Das Gut verloren, Tugend kommt; Tugend verloren, Menschenliebe kommt; Menschenliebe verloren, Anstand kommt. Dieser Anstand der Rechtlichkeit und Redlichkeit Dach, der Empörung Haupt. Äußeres Wissen ~ des Gutes Blüte, des Nichtwissens Beginn. So hält ein großer Weiser das Innen und bleibt nicht beim Außen, hält die Frucht und bleibt nicht bei der Blüte. Daher läßt er dieses und hält jenes.
39
Was einst genommen: Himmel durch Eins ward Helle. Erde durch Eins - Stand. Die Geister durch Eins - Vernunft. Täler durch Eins - Fülle. Alle Wesen durch Eins - Leben. Fürsten und Herrscher erhielten Eins, der Welt Maß zu sein. Das tut das Eins.
Der Himmel, ohne wodurch er Helle hat, müßte wohl zerreißen. Die Erde, ohne wodurch sie Stand hat, müßte wohl stürzen. Die Geister, ohne wodurch sie Vernunft haben, müßten wohl enden. Die Täler, ohne wodurch sie Fülle haben, müßten wohl verdorren. Die Wesen, ohne wodurch sie Leben haben, müßten wohl erlöschen. Fürsten und Herrscher, ohne wodurch sie hoch und geehrt sind, müßten wohl fallen.
Drum nennen sich Fürsten und Herrscher Waisen, Unvollkommene, Verdienstlose. Machen sie nicht das Geringe zur Wurzel?
Drum sind fertige Teile des Wagens kein Wagen. Wer nicht als Edelstein geschätzt werden will, wird als Feldstein geachtet.
40
Gehen und kommen ist des Gutes Tun; Feinheit ist des Gutes Verfahren. Alle Wesen der Welt entspringen im Sein. Das Sein aus dem Nichtsein.
41
Hören Hohe vom Gut, so erstreben und wandeln sies. Hören Durchschnittsmenschen vom Gut, so halten sies bald, bald verlieren sies. Hören Gemeine vom Gut, verhöhnen sies. Verhöhnten sies nicht, so wäre es nicht gut zum Gut. Denn wahre Worte sind:
Glanz im Gut scheint Finsternis; Vorrücken im Gut Rückschritt; Gleichheit dem Gut, gewöhnlich; hoch an Tugend, ein Tal; groß an Reich, schimpflich; reich an Tugend, dürftig; aufrecht an Tugend, schlaff; echt in Treue, wandelbar; ein großes Rechteck, ohne Winkel, ein großes Gerät, fertig zu spät; ein großer Klang von wenig Schall; ein großes Bild ohne Form.
Das Gut ist verborgen, unnennbar, nur das Gut weiß zu schenken und zu erfüllen.
42
Das Gut zeugt Eins, Eins zeugt Zwei, Zwei zeugt Drei, Drei zeugt alle Wesen. Alle Wesen tragen den Leib und umschließen die Seele; Geist verbindet beide.
Die Menschen meiden Waisen, Unvollkommene, Verdienstlose zu heißen. Doch Herrscher und Fürsten nennen sich so. Denn jetzt sinkt ein Wesen und steigt doch, jetzt steigt es und sinkt doch. Was die Leute lehre, lehre ich auch. Gewalt und Starrsinn endet schlimm. Darauf will ich die Lehre gründen.
43
Das Weichere der Welt überholt das Härtere der Welt. Das Nichtsein dringt in das Lückenlose. Daraus erhellt des Tatlosen Gewinn. Wortlose Lehren, tatlosen Gewinn, wenige in der Welt finden sie.
44
Name oder Ich, was ist höher? Ich oder Reichtum, was ist mehr? Gewinn oder Verlust, was ist schlimmer? Drum wer zu sehr begehrt, verstreut leicht sehr; wer viel sammelt, verliert leicht sehr. Wer sich genügsam weiß, findet keine Schande. Wer anzuhalten weiß, entgeht der Gefahr; drum dauert er lange.
45
Der höchst Volkommene ist wie eine Scherbe; er braucht, was nicht zerbricht. Der höchst Volle ist wie leer; er braucht Unerschöpfliches. Der höchst Treue ist wie krumm, der höchst Begabte wie töricht, der höchst Beredte wie stammelnd. Bewegung zwingt Kälte, Stille zwingt wärme. Der Reine und stille ist der Welt Gesetz.
46
Hat das Reich das Gut, so zieht man Arbeitspferde zum Ackerbau; hat das Reich nicht das Gut, so leben Kriegspferde im Ausland. Keine größere Sünde, als begehren zu dürfen; kein größeres Unglück, als sich nicht genügen zu lassen; kein größeres Laster, als habsüchtig zu sein.
Wer drum des Genügens Genüge weiß, hat ewig genug.
47
Ohne Ausgehen zur Tür kennt man die Welt; ohne Ausschauen zum Fenster kennt man das Himmelsgut. Je weiter das Ausgehen, je kleiner das Kennen. So geht der Heilige nicht; schaut nicht, und rühmt; tut nicht, und reift.
48
Wer das Lernen tut, wächst täglich; wer das Gut tut, sinkt täglich; sinkt und sinkt, bis er im Tatlosen ist. Er ist ohne Tun, und doch ohne Nichttun. Erhält er die Welt, so stets wegen Nicht-Handelns. Handelnd reicht man nicht, die Welt zu erhalten.
49
Der Heilige hat kein Ich-Herz. Der Menschheit Herzen achtet er als sein Herz. Dem Guten bin ich gut; dem Nichtguten bin ich auch gut: Tugend ist Güte. Dem Wahren bin ich wahr, dem Unwahren bin ich auch wahr: Tugend ist Wahrheit. Der Heilige in der Welt läßt nicht die Welt sein Herz trüben. Alle Menschheit leiht ihm Auge und Ohr, alle sind dem Heiligen Kindlein.
50
Eintritt ins Leben ist Eintritt ins Sterben. Des Lebens Gefolge sind 13, des Sterbens Gefolge 13; lebend bewegt der Mensch 13 Stellen des Todes. Woher das? Durch zuviel Lebenslust. Denn es heißt: wer das Leben zu erfassen taugt, geht stracks, nicht fliehend Nashorn und Tiger; geht wehr- und waffenlos in ein Heer. Das Nashorn hat nicht, wohin sein Horn stoße; der Tiger hat nicht, wohin seine Kralle schlage; Waffen nicht, wo ihre Schärfe schneide. Woher das? Er hat keine Stelle des Todes.
51
Das Gut gebiert, seine Tugend nährt, sein Sinn bildet, sein Trieb macht reif: daher kein Wesen von allen, das nicht zum Gut bete und seine Tugend verehre. Des Guts Anbetung, seiner Tugend Verehrung geschieht ohne Gebot, stets also von selbst. Denn das Gut gebiert, nährt, erzieht, bildet, reift, stärkt, erhält und schützt sie. Schaffen und nicht haben, tun und es nicht achten, leiten und nicht herrschen, das ist tiefe Tugend.
52
Die Welt hat einen Grund, der aller Wesen Mutter ist. Wer seine Mutter weiß, weiß sich Kind. Wer sich Kind weiß, kehrt zurück zur Mutter: sein Leib taucht unter ohne Gefahr. Die Tore schließen, die Pforten zumachen, macht des Leibes Ende ohne Mühsal. Die Tore auftun, die Gescäfte betreiben, macht des Leibes Ende ohne Rettung. Das Feine sehen heißt hell; das Zarte halten heißt stark. Glanz brauchen und zum Licht wandeln, verliert nicht bei des Leibes Gericht. Das heißt: Ewigkeit erben.
53
Erkennen wir völlig, wandeln wir im großen Gut; nur auf die Entfaltung achte man. Das große Gut ist sehr gerade, doch das Volk liebt das Krumme. Ragende Schlösser - wüste Felder, leere Scheuern. Bunte Kleider antun, blanke Schwerter schwingen, sich mit Speise und Trank füllen, Schätze häufen ist Prunk und Raub, nicht Gut.
54
Guter Bau steht; gut verwahrt wird nicht verloren; Kind und Kindeskind opfert ihm immerdar.
Er pflegt (das Gut) im Ich: die Tugend zeigt sich wahr. Er pflegts im Hause: die Tugend wächst höher. Er pflegts in der Gemeinde: die Tugend ragt hoch. Er pflegts im Land: die Tugend blüht weithin. Er pflegts in aller Welt: die Tugend ist reif. Denn am Selbst zeigt sich das Selbst, am Haus das Haus, an der Gemeinde die Gemeinde, am Land das Land, an der Welt die Welt. Wie weiß ich, daß die Welt so ist? Durch Es.
55
Wer vollkommene Tugend birgt, gleicht dem neugeborenen Kind. Giftschlange sticht es nicht, Raubtier faßt es nicht, Raubvogel stößt nicht darauf. Die Knochen sind schwach, die Sehnen zart, doch faßt es fest. Wie schon das unreife Kind Ge[sc]hlechtstriebe hat aus Fülle des Leibes, wie es den ganzen Tag schreit und nicht heiser wird aus Fülle des Einklanges.
Einklang wissen ist Ewigkeit; Ewigkeit wissen - Klarheit; das Leben überfüllen - Leid; das Herz der Seele unterwerfen - Kraft.
Etwas erstarkt, alterts dann, das heißt gutlos. Gutlos endet früh.
56
Wer weiß, spricht nicht; wer spricht, weiß nicht.
Er schließt die Pforten, macht zu die Tore, er birgt seine Spitze, gießt aus seine Fülle, bequemt seinen Glanz an, wird eins dem Staube. Das heißt tiefes Einswerden. Unnahbar, wird ihm nichts genommen; uneigennützig, wird ihm nicht geschadet; unehrgeizig, wird er nicht geschmäht. So ehrt ihn alle Welt.
57
Recht ordnet das Land, Unrecht braucht Waffen, Geschäftlosigkeit gewinnt das Reich. Wie wissen wir, daß dem im Reiche so? Das Reich hat viele beschränkende Verbote; um so ärmer das Volk. Das Volk hat viel Waffen; um so dunkler die Gemeinde. Das Volk hat viel Kunstgeschick; um so seltsamere Dinge entstehen. Viel Gesetze und Verordnungen gibt man, um so mehr Diebe und Räuber gibt es. Drum sagt der Heilige: ich tue nicht, und das Volk wird von selbst gut; ich liebe Frieden, und das Volk wird von selbst gerecht; ich bin geschäftlos, und das Volk wird von selbst brav; ich bin leidenschaftslos, und das Volk wird von selbst schlicht.
58
Maßvolle Regierung - echts Volk; scharfe Regierung - Scherbenvolk. Unglück, darauf stützt sich Glück. Glück, darunter liegt Unglück. Wer kennt ihren Gipfel? Jenes Unrecht kehrt die Rechten zu Schlechten, die Guten zu Bösen. Des Volkes Dunkel währt langen Tag. Drum ist der Heilige rechtwinklig und schindet nicht; maßvoll, und beleidigt nicht; ehrlich, und ohne Willkühr; licht, nicht glänzend.
59
Menschen leiten und dem Himmel dienen, sammelt am besten. Nur sammeln ist früh sorgen. Früh sorgen ist Tugend häufen. Tugend häufen, das vermag alle Dinge. Alles vermögen, ist grenzenlos. Grenzenlos sein, das Land ist sein. Ist des Landes Mutter sein, besteht er. Das ist tiefe, starke Wurzel; das Gut des ewigen Lebens und der langen Dauer.
60
Das Land erhaben regieren, ist wie kleine Fische kochen. Wird im Gut das Reich regiert, so werden die Seelen nicht Natur. Werden die Seelen nicht Natur, so schadet ihr Natursein nicht den Menschen. Schadet ihr Natursein nicht den Menschen, so schadet der Heilige auch nicht den Menschen. Beide zusammen schaden nicht: Tugend ist ihr Band und Lot.
61
Fließt das große Land unten, eint es den Staat, des Staates Leib. Der stille Leib besiegt den Geist; durch Stille dient er. Dient so das große Land dem kleinen, so gewinnt es das kleine. Dient das kleine Land dem großen, so gewinnt es das große. So dient man, zu gewinnen, oder dient, gewonnen zu werden. Das große Land wünsche nicht mehr, als die Menschen zu halten und zu hüten; das kleine Land wünsche nicht mehr, als eintretend den Menschen zu dienen. Beider Wunsch zu erfüllen, diene das große.
62
Das Gut ist aller Wesen Obdach, der Guten Schatz, der Bösen Schutz. Schöne Worte kaufen? edles Tun mehrt. Sind Menschen böse - warum sie verwerfen? Dafür lebt der Kaiser und seine drei Räte. Mögen sie auch Edelsteintafeln erheben und mit Vieren fahren - nichts gleicht dem Ruhen und Wachsen in diesem Gut. Wie verehrten die Alten das Gut? Nur, weil es durch stetes Suchen gefunden wird und die Sünde tilgt. Deshalb ist das Gut der Welt Höchstes.
63
Tun sei Nichttun, Arbeit Nichtarbeit, Genuß Nichtgenuß, Groß Klein, Viel Wenig. Vergilt Böses mit Gutem. Nimm dir das Schwere im Leichten vor, tue das Große im Kleinen; beginnt doch das Schwerste in der Welt mit Leicht, das Größte mit Klein. So endet der Heilige, ohne Großes zu tun und kann doch das Große enden. Wer leichthin redet, findet selten Glauben; wem viel leicht ist, ist viel schwer. Der Heilige aber nimmt es schwer, darum endet er ohne Schweres.
64
Das Ruhende ist leicht zu fassen, das Zeichenlose leicht zu hindern, das Zarte, das Dünne leicht zu brechen, zu trennen. Tu's im Nochnichtsein; zähme es im Nochnichtaufruhr. Ein breiter Baum wächst aus haardünnem Reis, ein neunstöckiger Turm aus einem Lehm, eine Reise von tausend Meilen aus einem Schritte. Tun vergeht, Nehmen verliert. Das Volk aber, das eine Arbeit beginnt, ist stets nah am Ende, und es vergeht. Bedenkt man Ende wie Anfang, so vergeht kein Tun. Darum begehrt der Heilige nicht Begehren, schätzt nicht mühsame Schätze, lernt nicht Lernen, verzichtet, wo die Menschen ausschreiten, hilft allen zum Selbst, wagt selbst nicht zu tun.
65
Die vor Zeiten gut waren, das Gut zu tun, klärten das Volk nicht auf, sondern wollten es damit einfältig bleiben lassen. Bei zu vieler Klugheit wird das Volk schwer regiert. Mit Klugheit regieren, ist des Reiches Schaden; ohne Klugheit regieren ist des Reiches Heil. Wer beides weiß, ist auch Vorbild. Stets das Vorbild wissen, heißt tiefe Tugend. Tiefe Tugend ist heimlich, fern, den Wesen zuwider; dann kommt sie zu großem Anhang.
66
Wie können Ströme und Meere der hundert Flüsse Herr sein? Durch rechte Unterwerfung, so können sie der hundert Flüsse Herr sein. Will drum der Heilige das Volk überragen, so muß er an Wort sich unterwerfen; will er das Volk führen, so muß er an Ich sich zurückstellen. Drum bleibt der Heilige oben, unlästig dem Volke, bleibt vorn, unschädlich dem Volke. Drum folgt ihm rastlos die frohe Welt. Er kämpft nicht, so bekämpft die Welt ihn nicht.
67
Alle Welt nennt mich groß als entartet. Groß scheint ja entartet. Nachartend?: längst gibt's Kleines.
Jenes Ich hat drei Kleinode, hält und liebt sie. Das erste heißt Mitleid, das zweite Sparsamkeit, das dritte nicht die Welt leiten wollen. Mitleid kann stark, Sparsamkeit üppig sein, nicht die Welt leiten wollen, kann der Guten Erster werden. Jetzt mißachtet man Mitleid, und ist stark; Sparsamkeit, und ist üppig; Demut, und ist vorn: ha, Tod! Mitleid siegt im Streit, schützt in Abwehr; erhält der Himmel, so rettet er durch Mitleid.
68
Wer gut zum Haupt ist, ist nicht kriegerisch; wer gut zum Kampfe ist, nicht jähzornig; wer gut zum Sieg, nicht zänkisch; wer gut zum Befehlen, unterwürfig. Das ist die kampflose Tugend, das ist Befehlens Kraft, das ist Himmels Einklang, der Vorzeit Ziel.
69
Man hat vom Krieg gesagt: Ich will nicht Wirt, sondern Gast sein, nicht einen Zoll vorgehen, sondern einen Fuß weichen. Das ist tatlos tun, armlos schlagen, wie feindlos, waffenlos wehren. Das größte Unglück, leichthin zu kämpfen; leichthin kämpfen, ist fast das Kleinod verlieren. Von streitenden Waffen siegt Mitleid.
70
Meine Worte sind sehr leicht zu erkennen, sehr leicht zu erfüllen. Die Welt erkennt sie nicht, erfüllt sie nicht. Worte haben einen Vater, Werke einen Herrn: ihn erkennt man nicht und erkennt daher mich nicht. Wenige erkennen mich und schätzen mich also. So trägt der Heilige Wolle und birgt Edelstein im Busen.
71
Erkennen Nichterkennen ist das Gut. Nicht erkennen Erkennen ist Leid. Wer unter Leid leidet, ist daher leidlos, da er unter Leid leidet: dadurch ist er leidlos.
72
Das Volk fürchtet nicht das Erlauchte: groß wird erlaucht. Nicht sei eng das Haus noch dürftig das Leben. Engt man nicht, so ist's nicht eng. Drum geht der Heilige nach Wissen, nicht nach Sehen; nach Liebe, nicht nach Achtung. So läßt er dieses und hält jenes.
73
Mut zu wagen tötet, Mut nicht zu wagen macht lebendig. Beides nützt teils, schadet teils. Warum der Himmel nicht will, wer erkennt das? Drum ist's wie schwer dem Heiligen. Des Himmels Gut: kampflos siegt's, wortlos fügt sich's, ruflos kommt's von selbst. Langsam leitet es; ausgebreitet sind des Himmels Fäden, sind weit und lassen nichts.
74
Fürchtet das Volk nicht den Tod, wie schreckt man's durch Tod? Hielte man das Volk stets in Todesfurcht und tötete man den, der eine Untat tut, wer wagte es?
Stets ist ein Todesrichter und tötet. Statt des Todesrichters töten, ist, statt des Zimmermanns behauen. Statt des Zimmermanns behauen, verwundet meist die Hand.
75
Das Volk darbt, weil die Großen zu viel Steuern essen; darum darbt es. Das Volk wird schwer regiert, weil die Großen zu tun haben; darum wird es schwer regiert. Das Volk verachtet den Tod, weil es Wohlleben begehrt; darum verachtet es den Tod. Wer das Leben nicht liebt, ist weiser, als wer das Leben liebt.
76
Der Mensch kommt weich und zart zur Welt, und stirbt hart und starr. Jedes Wesen, Kraut und Baum, kommt weich und zart zur Welt, und stirbt hart und starr. Kurz, hart und starr begleitet den Tod, weich und zart begleitet das Leben. Drum nützt harte Waffe, starres Holz nicht, sondern das andere. Hart und starr ist unten, weich und zart ist oben.
77
Gleicht nicht des Himmelsgutes Lehre dem Bogenspanner? Das Hohe wird erniedrigt, das Niedrige erhöht. Das Üppige wird vermindert, das Dürftige vermehrt. Des Himmelsgutes Lehre ist: das Üppige mindern, das Dürftige mehren. Anders der Menschen Lehre: das Dürftige zu mindern, um dem Üppigen zu geben. Wer kann in der Welt üppig geben? nu wer das Gut hat. Drum tut der Heilige, und achtets nicht, vollbringt das Gute und weilt nicht: er will sein Licht nicht leuchten lassen.
78
Nicht in der Welt ist weicher und dünner als Wasser. Doch Hartes und Starres zu zerreiben, geht nichts darüber: sein Selbst wandelt dies. Schwach besiegt stark, weich besiegt hart. Keiner in der Welt weiß es nicht, und keiner kann's tun. Darum sagt der Heilige: Der Welt Staub tragen, ist Herr der Geister; der Welt Elend tragen, ist König der Welt. Wahre Worte, ob wunderlich.
79
Will man großen Zwist schlichten, bleibt gewiß Zwist; wie kann man ihn gut machen? Daher erfüllt der Gute die Pflichten der [des] Vertrags und fordert nicht dessen Rechte. Der Tugendhafte tut den Vertrag, der Tugendlose das Eintreiben. Des Himmels Gut, neigungslos, gibt stets dem Guten.
80
Ein Ländchen geringen Volks. Es braucht nur zehn Älteste und gebraucht sie nicht. Man macht dem Volk das Sterben schwer, und es wandert nicht. Es hat Schiffe und Wagen, und braucht sie nicht; Wehr und Waffen, und wappnet sich nicht; man gebe dem Volk wieder Knotenschnur (Kerbholz). Gut ist die Nahrung, schön das Kleid, hübsch das Haus, traut der Brauch. Nachbarstaaten sehen einander, Huhn und Hund ist zu hören; Man altert und stirbt und wandert nicht hinüber.
81
Wahres Wort ist nicht süß, süßes Wort ist nicht wahr. Gut ist nicht geziert, geziert ist nicht gut. Weise ist nicht gelehrt, gelehrt ist nicht weise. Der Heilige häuft nicht; je mehr er für die Menschen tut, um so mehr hat er; je mehr er gibt, um so reicher wird er. Das Himmelsgut segnet, und flucht nicht; des Heiligen Gut tut, und streitet nicht.