Das
Tao Te King
von
Lao Tse
Chinese (Mawang Dui) - German by
Hans-Georg Möller, 1995
http://www.utopie1.de/L/Laotse/Moeller-0.htm

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Vorwort/Foreword
Das Daodejing ist ein altes chinesisches Buch, von dem man hierzulande nicht allzuviel versteht, in wie vielen Übersetzungen es auch vorliegen mag. Es ist so alt, daß man nicht einmal weiß, wie alt es ist. Man weiß auch nicht, wer es geschrieben hat oder unter welchen Umständen es zustande kam. Bis zum Jahre 1973 war das Daodejing, der Klassiker von Dao und De, allgemein in der Überlieferung des Philosophen Wang Bi bekannt. Wang Bi hatte im 3. Jahrhundert n. Chr. das Buch mit einem eigenen Kommentar versehen. Auch wenn zu seiner Zeit die Schriftkultur in China schon dominant war, war das Buchwesen doch verschieden von dem unserer Tage. Ein Buch, ein "Klassiker" zumal, existierte nicht in Gestalt eines einmal von einer bestimmten Person zu einer bestimmten Zeit verfassten authentischen Textes, sondern in seiner "Überlieferung". Der Text eines "Klassikers" wurde also nicht als das Produkt der Schriftstellerei eines gewöhnlichen Menschen angesehen, sondern er war ein "heiliger Text", irgendwann erschienen, vielleicht durch einen Heiligen verkündet, und dann von den Bewahrern einer Tradition, oft mündlich, in den verschiedenen Ausformungen weitergegeben. Das Buch von "Dao und De" wurde der legendären Figur des Laotse zugeschrieben - die dann zu Zeiten des Wang Bi schon den Rang einer Gottheit innehatte - und zum "Klassiker" erhoben. Wang Bi also schrieb den Text des Daodejing, so wie er ihm vielleicht durch Bücherstudium, vielleicht durch Auswendiglernen bekannt war, noch einmal nieder und setzte zu vielen Sentenzen des Textes eigene Erläuterungen hinzu. Das war eine für einen Gelehrten seiner Tage nicht ungewöhnliche Beschäftigung und sicherlich nicht der erste "Kommentar" zum Daodejing. Aber durch den Lauf der Zeit, durch die Berühmtheit der Person des Wang Bi und vielleicht durch die außergewöhnliche Qualität seines Kommentars, wurde diese Niederschrift späterhin zur Standardversion des Daodejing. Es existieren zwar auch heute noch zum Teil wesentlich ältere Kommentare, aber keiner dieser Texte ist sowohl vollständig erhalten als auch recht zweifelsfrei zu datieren. Aber auch für den Kommentar des Wang Bi gilt wiederum, daß er innerhalb einer vielfältigen Überlieferungslinie weitergegeben wurde. Deshalb kann heute davon ausgegangen werden, daß selbst dieser aktuell in verschiedenen Ausgaben vorliegende Text nicht mit dem wirklich von Wang Bi kommentierten Text identisch ist.

Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung des Fundes der beiden Seidentexten als Niederschriften des Daodejing zu sehen. Die beiden Texte unterscheiden sich voneinander hauptsächlich durch Schrifttyp und den Zeitpunkt der Niederschrift. Der ältere der Texte ist noch im Stil der vor der Han-Zeit benutzten kleinen Siegelschrift gehalten, der jüngere hingegen in der während der Han-Zeit gebräuchlichen "Kanzleischrift". An manchen Stellen treten Sentenzen in den Seidentexten hinzu oder fehlen dort, bisweilen werden Sentenzen auch in sich umgestellt oder deren Reihenfolge untereinander vertauscht, jedes Kapitel ist jedoch mit seinem Gegenstück im "Standardtext" des Wang Bi vergleichbar. Im einzelnen, nicht zuletzt aufgrund der höheren grammatischen Präzision, scheinen mir die Seidentexte oft schlüssiger als die späteren Versionen. Demnach läßt sich einerseits sagen, daß der Text, wie ihn die Überlieferung zeigt, insgesamt dem Stand des frühen zweiten Jahrhunderts v. Chr. noch sehr nahe ist. Der Vergleich der Textversionen beweist, daß das Daodejing zuerst der gesprochenen Sprache verpflichtet war, nicht so sehr der geschriebenen.

In seinem Frühstadium war das Daodejing noch eine Ansammlung philosophischer Sprüche, deren Gestalt und Struktur wichtiger waren als exakte Begrifflichkeit. In den späteren Kommentaren, zu einer Zeit, da sich die Schriftkultur immer mehr verfestigte, hing vielleicht mehr am einzelnen Wort, an einer bestimmten Auslegung. Aber zur Zeit der Niederschrift der Mawangdui-Manuskripte dominierte die Ganzheit der Gestalt noch über das Detail. Das Daodejing hat weder einen Autor noch einen "Urtext" in unserem Sinne. Die Übersetzung des Textes stützt sich auf die vom Pekinger Wenwu-Verlag herausgegebene Ausgabe der Manuskripte von Mawangdui. Da in den Seidentexten die Teile "Dao" und "De" in ihrer Reihenfolge vertauscht sind, ändert sich in der Übersetzung notwendigerweise die Numerierung der Kapitel.


1

Ein Dao -
kann es als Dao bestimmt werden,
ist es kein stetiges Dao.
Ein Name -
kann er als Name bestimmt werden,
ist er kein stetiger Name.

Keinen-Namen-habend
ist der Beginn der zehntausend Dinge.
Namen-habend
ist die Mutter der zehntausend Dinge.

Also,
stets ohne Begierden sein,
um die Feinheiten zu sehen.
Stets Begierden haben,
um zu sehen, wonach verlangt wird.

Die zwei -
gemeinsam treten sie hervor,
verschieden werden sie benannt.
Gemeinsam heißen sie:
Noch verborgener als das Verborgene.
Das Tor der vielen Feinheiten.


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2

In der Welt erkennen alle
Schönes als schön.
Schon gibt es Häßliches.
Alle erkennen,
was taugt.
So gibt es Untaugliches.

Das Fülle und Leere einander erschaffen,
schwer und leicht einander erzeugen,
lang und kurz einander bilden,
hoch und tief einander erfüllen,
Töne und Stimmen einander ergänzen,
vorher und nachher einander folgen,
ist stetig.

Gerade daher
verweilt der Heilige beim Geschäft des Nicht-Handeln,
und betreibt die Lehre des Nicht-Reden.

Die zehntausend Dinge -
er bringt sie in Gang und fängt sie nicht an,
er führt sie aus und hängt nicht daran,
er bringt sie zum Erfolg und hat seinen Platz
nicht bei ihnen.
Nun,
allein indem er seinen Platz nicht bei ihnen hat,
gerade daher verlassen sie ihn nicht.


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3

Werden die Weisen nicht befördert,
läßt dies das Volk nicht streiten.
Werden die Güter,
derer man schwer habhaft wird, nicht hochgeschätzt,
läßt dies das Volk nicht Räuber sein.
Wird nichts Begehrenswertes vorgezeigt,
läßt dies das Volk nicht durcheinanderbringen.

Gerade daher ordnet der Heilige so:
Er leert ihre Herzen,
er füllt ihre Mägen.
Er schwächt ihre Wünsche,
er stärkt ihre Knochen.

Stets läßt er das Volk ohne Wissen sein und ohne Begierden,
und er läßt den, der weiß, nicht wagen, nicht handeln - nur das.
So bleibt nichts ungeordnet.


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4

Das Dao ist leer
und auch gebraucht wird es nicht voll.
Wie abgründig!
Es gleicht dem Urvater der zehntausend Dinge.

Die Öffnungen stopfend,
die Eingänge schließend;
den Glanz dämpfend,
den Staub ebnend;
das Spitze zerstoßend,
die Verstrickungen lösend.

Wie tiefgründig!
Gleichsam auch anwesend.
Ich weiß nicht, wessen Sohn es ist.
Es erscheint als Vorfahr der göttlichen Ahnen.


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5

Himmel und Erde sind unmenschlich -
die zehntausend Dinge sind ihnen Opferhunde aus Stroh.
Der Heilige ist unmenschlich -
die Menschen sind ihm Opferhunde aus Stroh.

Der Raum zwischen Himmel und Erde -
gleicht er nicht einem Blasebalg:
Leer aber unerschöpflich,
je stärker bewegt, desto mehr kommt hervor.

Vieles hören, einiges ergründen -
das ist nicht so gut, wie die Mitte bewahren.


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6

Der Geist des Tales stirbt nicht -
das heißt: verborgene Weiblichkeit.
Das Tor der verborgenen Weiblichkeit -
das heißt: Wurzel von Himmel und Erde.

Wie durchgängig!
Gleichsam anwesend.
Im Gebrauch unermüdlich.


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7

Der Himmel ist dauerhaft.
Die Erde ist langwährend.
Der Grund, warum Himmel und Erde
dauerhaft und langwährend zu sein vermögen,
ist, daß sie nicht für sich selbst leben.
Daher können sie dauerhaft leben.

Gerade daher wird der Heilige
seine Person zurückstellen -
und persönlich vorne stehn;
seine Person heraushalten -
und persönlich anwesend sein.
Rührt das nicht daher, daß er keinen Eigensinn hat?
Daher kann er seinen Eigensinn
zur Vollendung bringen.


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8

Der Beste ist wie das Wasser.
Die Güte des Wassers besteht darin,
den zehntausend Dingen zu nutzen
und im Streit den Platz einzunehmen,
den die Menge des Volkes für schlecht hält.
Also ist er dem Dao nahe.

Seine Stellung
ist gut in Hinsicht der Ortswahl.
Sein Herz
ist gut in Hinsicht der Tiefe.
Sein Spenden
ist gut in Hinsicht des himmlischen Wirkens.
Seine Rede
ist gut in Hinsicht der Glaubwürdigkeit.
Sein Regieren
ist gut in Hinsicht der Ordnung.
Sein In-Dienst-Nehmen
ist gut in Hinsicht der Wahl der Fähigen.
Sein Veranlassen
ist gut in Hinsicht der Zeiten.

Nun,
allein, weil er nicht streitet,
daher gibt es keinen Verdruß.


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9

Aufzuhäufen und aufzufallen -
ist nicht so gut wie aufzuhören.
Geschmiedetes und Zugespitztes -
kann man nicht lang erhalten.
Ein Raum voll Jade und Gold -
niemand vermag, ihn zu bewachen.
Hochgeschätzt, reich und stolz -
zieht man von selbst das Unheil nach.

Sich selbst zurückzuziehen,
wenn das Werk vollbracht wird:
Das ist das Dao des Himmels.


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10

Wenn du die Seele nährst und die Einheit umfaßt,
kannst du dabei Ungetrenntheit bewahren?
Wenn du das Qi konzentrierst und die Weichheit erreichst,
kannst du dabei dem Kind gleichen?
Wenn du den dunklen Spiegel reinigst und pflegst,
kann der dabei makellos werden?
Wenn du das Volk liebst und im Staat das Leben entfachst,
kannst du dabei ohne Kenntnisse bleiben?
Wenn das Himmelstor sich öffnet und schließt,
kannst du dabei das Weibliche sein?
Wenn die helle Klarheit in alle vier Richtungen reicht,
kannst du dabei ohne Kenntnisse bleiben?

Es hervorbringen, es hegen;
hervorbringen, ohne zu besitzen;
wachsen lassen und nicht befehlen.
Das heißt: »verborgene Kraft«.


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11

Dreißig Speichen sind vereint in einer Nabe. -
An ihren leeren Stellen liegt es,
daß Wagen zu gebrauchen sind.
Ton wird gebrannt und es entsteht ein Krug daraus. -
An ihren leeren Stellen liegt es,
daß Krüge zu gebrauchen sind.
Türen und Fenster werden ausgemeißelt -
An ihren leeren Stellen liegt es,
daß Zimmer zu gebrauchen sind.

Also
hat man die Fülle für den Zweck,
und hat für den Gebrauch die Leere.


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12

Die fünf Farben
lassen die Augen der Menschen erblinden.
Der Ritt im Galopp und die Jagd
machen die Herzen der Menschen verrückt.
Schwer zu erlangende Güter
behindern das menschliche Streben.
Die fünf Geschmäcker
verderben den menschlichen Gaumen.
Die fünf Töne
machen die Ohren der Menschen taub.

Gerade daher ordnet der Heilige so:
Er sorgt für die Mägen und nicht für die Augen.
Also läßt er das eine und wählt das andere.


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13

Eine Gunst, gleich einer Beschämung,
sei dir ein Schrecken.
Was die Hochachtung dafür betrifft,
so habe große Sorge um deinen Leib.

Was bedeutet
»Eine Gunst, gleich einer Beschämung,
sei dir ein Schrecken«?
Wem eine Gunst zufällt, der ist untergeben.
Sie zu erhalten, sei dir ein Schrecken.
Sie zu verlieren, sei dir ein Schrecken.
Das bedeutet
»Eine Gunst, gleich einer Beschämung,
sei dir ein Schrecken.«

Was bedeutet
»Was die Hochachtung dafür betrifft,
so habe große Sorge um deinen Leib«?
Der Grund, warum ich große Sorge habe,
ist, daß ich einen Leib habe.
Hätte ich keinen Leib, worum sollte ich mich sorgen?

Also,
wenn, die Hochachtung dafür betreffend,
dein Leib dir mehr gilt als die Welt,
dann kann man dir die Welt anvertrauen,
wenn, die Liebe dazu betreffend,
dein Leib dir die Welt gilt,
dann kann man dir die Welt überlassen.


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14

Wonach man schaut und es nicht sieht:
»Winzig« ist es benannt.
Wonach man horcht und es nicht hört:
»Still« ist es benannt.
Wonach man greift und es nicht faßt:
»Glatt« ist es benannt.

Die drei -
sind nicht ins Letzte zu ermessen.
Also werden sie vermischt
und geben Eins.
Die Eins -
darüber ist's nicht hell,
darunter ist's nicht dunkel.

Immerfort - es läßt sich nicht benennen!
Es kehrt sich wieder dahin um,
wo kein Ding ist.
Das heißt: »Form ohne Form«,
»Gestalt ohne Ding«.
Das heißt: »Ödnis und Wüste«.

Folge ihm-
du siehst nicht seinen Rücken.
Geh ihm entgegen -
du siehst nicht sein Gesicht.
Erfaß das Dao von heute,
um das zu regeln, was es heute gibt,
um das zu kennen, was in alter Zeit den Anfang machte.
Das heißt: »Leitlinie des Dao«.


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15

Die in alter Zeit gut darin waren,
das Dao auszuführen:
Schwerfaßlich und geheimnisvoll,
dunkel und durchschauend,
tief und unergründlich.

Nun, alleine weil sie unergründlich sind,
deshalb gibt es für sie
nur eine gezwungene Umschreibung:
Wie bedächtig! -
Gleich dem winterlichen Überqueren eines Wasserlaufs.
Wie vorsichtig! -
Gleich der Furcht vor den Nachbarn auf allen vier Seiten.
Wie ernsthaft! —
Gleich dem Verhalten von Gästen.
Wie losgelöst! -
Gleich schmelzendem Eis.
Wie roh!-
Gleich unbehauenem Holz.
Wie undurchdringlich! -
Gleich erd-trübem Wasser.
Wie weit! -
Gleich dem Tal.
Wird, was trüb ist, ruhig gehalten,
klärt es allmählich auf.
Bewegt man das Stille,
kommt allmählich Leben hinein. -
Die dieses Dao bewahren, wollen die Fülle nicht.
Gerade daher können sie
ausgemergelt sein und unvollendet.


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16

Die Leere erreichen
- das ist das Äußerste.
Die Stille bewahren
- das ist die Kontrolle.

Die zehntausend Dinge geschehen eines mit dem andern:
so schau ich darauf, wohin sie sich wenden.
Die Dinge der Welt bestehen in Vielfalt;
sie alle kehren sich wieder ihrer Wurzel zu. -
Das nennt man »Stille«.
»Stille« - so heißt die Rückkehr zu der Bestimmung.
Die Rückkehr zu der Bestimmung - das ist die Stetigkeit.
Die Kenntnis der Stetigkeit - das ist die Klarheit.
Die Unkenntnis der Stetigkeit - das ist der Irrtum.
Der Irrtum schafft Unheil.
Die Kenntnis der Stetigkeit ist In-sich-Aufnehmen.
In-sich-Aufnehmen ist Herrschaft.
Herrschaft ist Königtum.
Königtum ist Himmelsmacht.
Himmelsmacht ist das Dao.
Das Dao ist die Unbeschadetheit
von der Vergänglichkeit des Leibes.


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17

Vom Besten der Herrscher,
wissen die Untergebenen nur, daß es ihn gibt.
Den nächstbesten
werden sie aus Zuneigung preisen.
Den nächstbesten
fürchten sie.
Der schlechteste
wird verspottet.

Wenn die Glaubwürdigkeit nicht genügt,
gibt es Unglaubwürdigkeit.
Wie vorsichtig er ist,
- welchen Wert er den Worten beimißt!

Man vollbringt das Werk,
man folgt der Berufung
- und die Leute meinen:
»Es geschieht uns von selbst.«


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18

Also,
Wenn das große Dao verkommt,
gibt es Menschlichkeit und Rechtlichkeit.
Wenn Wissen hervortritt und Schlauheit,
gibt es großen Betrug.
Sind die Beziehungen der Familie nicht im Einklang,
gibt es Kindesliebe und Sorgepflicht.
Wenn in Staat und Familie nur Unordnung herrscht,
gibt es treue Minister.


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19

Fort mit der Heiligkeit, weg mit der Weisheit
und dem Volk wird daraus hundertfach Nützlichkeit.
Fort mit der Menschlichkeit, weg mit der Rechtlichkeit
und das Volk findet wieder zu Pflicht und Mitleid.
Fort mit der Geschicklichkeit, weg mit dem Gewinn
und die Verbrecher und Räuber sind dahin.

Diese drei Sprüche:
Ein Muster gehen sie noch nicht ein,
also sollen sie mit etwas verbunden sein.

Kargheit zeigen, einfach sein
den Eigensinn zügeln, die Begierden klein
Gelehrsamkeit lösen, von Zweifeln befrein.


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20

Unterwürfige Zustimmung und empörtes Ablehnen -
wie weit ist das voneinander entfernt?
Schön und häßlich -
worin liegt der Unterschied?
Wer von den Menschen gefürchtet wird,
der wird ebenso die Menschen notwendig fürchten.

Welche Wüste! Nirgends hat sie ein Ende!
Die Menge ist guter Stimmung -
als gäbe es ein großes Opfer zu feiern,
als würden im Frühling die Höhen erklommen.
Ich bin tatenlos dabei und gebe kein Zeichen von mir -
wie ein Kleinkind, das noch nicht lacht.

Welche Ermüdung! - Als gäbe es keinen Ort einer Rückkehr.
Die Menge hat immer noch übrig.
Ich allein habe von mir gegeben.
Ich habe das Herz eines Idioten.

Welche Einfalt!
Das gemeine Volk strahlt.
Ich allein bin wie verborgen.
Dem gemeinen Volk ist alles unterschieden.
Mir allein ist alles vermischt.
Welche Ödnis! - Sie ist wie das Meer.
Welche Wüste! - Als ob es nirgends ein Aufhören gäbe.
Die Menge hat immer ihren Grund.
Ich allein bin bis zur Unzugänglichkeit dumm.
Mein Begehren allein ist anders als das der Menschen -
und ich schätze die nährende Mutter.


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21

Der großen Kraft Glanz
folgt dem Dao ganz.
Das Ding Dao -
nur wüst, nur öd.

Welche Ödnis, welche Wüste! -
Darin sind die Gestalten.
Welche Wüste, welche Ödnis!
Darin sind die Dinge.

Welche Verborgenheit und welche Düsternis!
Und welche Fruchtbarkeit darin!
Die Fruchtbarkeit ist ungeheuer echt. -
Glaubwürdigkeit darin.

Von heute bis ins Altertum
hat man die Namen nicht entfernt,
wodurch man sich dem Vater aller fügt.
Woher ich weiß, wie aller Vater ist?
Daher.


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22

Gebeugtes wird ganz.
Gebogenes wird recht.
Tiefes wird gefüllt.
Abgenutztes wird neu.
Weniges wird bekommen.
Viel wird verwirren.

Gerade daher
hält der Heilige die Einheit,
um der Welt Hüter zu sein.

Er stellt sich selbst nicht zur Schau,
also erstrahlt er.
Er zeigt sich selbst nicht vor,
also ist er erhellt.
Er lobt sich selbst nicht,
also hat er Erfolg.
Er ist nicht selbstgefällig,
also kann er von Dauer sein.

Nun,
allein weil er nicht streitet,
daher kann mit ihm keiner streiten.

Was man im Altertum über Gebeugtes und Ganzes sagte,
waren das nicht Worte der Annäherung?
Zum wahrhaft Ganzen - dahin kehrt es sich um.


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23

Stille Rede - eigner Lauf.
Sturmwind dauert keinen Morgen.
Gewitterregen dauert keinen Tag.
Was waltet hier?
Himmel und Erde,
und doch kann keine Dauer sein.
Wie soll es da der Mensch vermögen?

Also folge der Berufung und
der Vorgang stimmt ein mit dem Dao,
der Nehmer stimmt ein mit dem Nehmen,
der Geber stimmt ein mit dem Geben.
Eingestimmtes Nehmen -
da nimmt auch das Dao.
Eingestimmtes Geben -
da gibt auch das Dao.


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24

Der Aufgeblasene steht nicht fest.
Wer sich selbst zur Schau stellt, erstrahlt nicht.
Wer sich selbst vorzeigt, ist nicht erhellt.
Wer sich selbst lobt, hat keinen Erfolg.
Wer sich selbst zu sehr gefällt, ist nicht von Dauer.

Vom Dao her heißt das:
»zu üppige Speisen, zu viel Getue«.
Allgemein wird das verachtet.
Also wird, wer etwas will, dabei nicht verweilen.


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25

Es gibt ein Ding -
im Mischmasch vollbracht,
vor Himmel und Erde lebendig gemacht.
Welche Stille! Welche Leere!
Allein steht es fest und ändert sich nicht.
Es kann Himmel und Erde Mutter sein.

Ich kenne nicht seinen Namen.
Man bezeichnet es »Dao«.
War ich gezwungen, ihm einen Namen zugeben,
sagte ich »Größe«.
»Größe« heißt »Fortgang«
»Fortgang« heißt »Ferne«
»Ferne« heißt »Wende«.

Das Dao ist groß.
Der Himmel ist groß.
Die Erde ist groß.
Der König ist auch groß.
Im Staat gibt es vier Größen -
und der König besetzt die Einheit darin.
Dem Mensch ist die Erde Gesetz.
Der Erde ist der Himmel Gesetz.
Dem Himmel ist das Dao Gesetz.
Dem Dao ist der eigene Lauf Gesetz.


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26

Das Schwernehmen
ist die Wurzel des Leichtnehmens.
Die Ruhe
ist der Umtriebigkeit Herr.

Gerade daher wird der Edle,
wenn er den ganzen Tag reist,
sich nicht von seinen Gepäckwagen entfernen.
Und auch wenn ein Gasthaus zu seiner Verfügung steht,
wird er dort, wo es still ist, verweilen,
so daß er die Erhabenheit wahrt.

Was ist das für ein König,
der den Leib leichter nimmt als die Welt?

Leichtnehmen -
dann geht die Wurzel verloren.
Umtriebig sein -
dann geht die Herrschaft verloren.


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27

Wer gut zu gehen weiß, bleibt spurlos.
Wer gut zu reden weiß, bleibt makellos.
Wer gut zu rechnen weiß, der braucht kein Zahlmärkchen.
Was gut verschlossen ist, das hat kein Schloß,
wo man es öffnen könnte.
Was gut vertäut ist, das hat kein Seil,
das aufgeknotet werden könnte.

Gerade daher ist der Heilige
stets gut darin, den Menschen beizustehn
und läßt sie nicht beiseite.
Die Dinge läßt er als Güter nicht beiseite.
Das heißt: »vielfache Klarheit«.

Also:
Der Mensch, der etwas taugt,
ist Lehrmeister für den, der etwas taugt.
Der Mensch, der nichts taugt,
ist Lehrmaterial für den, der etwas taugt.
Wer Lehrmeister nicht achtet und Lehrmaterial nicht schätzt,
der geht, auch wenn er klug ist,
einen großen Irrweg.
Das heißt: »Der Feinheit Wesentliches«.


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28

Kenne ihr Männliches und bewahre ihr Weibliches -
sei der Welt Flußlauf.
Sei der Welt Flußlauf
und die beständige Kraft verläßt dich nicht.
Wenn die beständige Kraft dich nicht verläßt,
kehrst du wieder zurück zur Kleinkindlichkeit.

Kenne ihr Unbeflecktes und bewahre ihr Beflecktes -
sei der Welt Tal.
Sei der Welt Tal
und die beständige Kraft genügt.
Wenn die beständige Kraft genügt,
kehrst du wieder zurück zum Zustand unbehauenen Holzes.

Kenne ihr Weißes und bewahre ihr Schwarzes -
sei der Welt Muster.
Sei der Welt Muster
und die beständige Kraft bleibt unbeschadet.
Wenn die beständige Kraft unbeschadet bleibt,
kehrst du wieder zurück ins Unbeschränkte.

Wird das unbehauene Holz in Stücke geteilt,
dann werden Geräte daraus.
Nimmt der Heilige sie in Gebrauch,
dann wird er zum Leiter aller Beamten.
Nun,
großes Schnitzwerk schneidet nichts weg.


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29

Will einer die Welt an sich nehmen
und an ihr handeln -
Ich sehe, daß es ihm nicht gelingt.
Nun,
die Welt ist ein heiliges Gefäß
und nicht etwas, woran man handelt.
Wer handelt, scheitert dabei.
Wer festhält, verliert's.

Die Dinge:
manche gehen, manche folgen,
manche brennen, manche brechen,
manche steigen, manche fallen.
Gerade daher wird der Heilige
das Überflüssige entfernen,
das Große entfernen,
das Besondere entfernen.


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30

Wird dem Herrscher der Menschen mit dem Dao beigestanden,
dann wird keine Waffengewalt gebraucht in der Welt.

Solche Angelegenheiten verkehren sich gern:
Dort, wo sich Armeen befanden,
wächst Dornengestrüpp.

Der Taugliche hat Erfolg,
und sonst nichts.
Zu keinem Zweck gebraucht er Gewalt.
Er hat Erfolg und ist nicht stolz.
Er hat Erfolg und ist nicht hochmütig.
Er hat Erfolg und ist nicht eingebildet.
Er hat Erfolg und erhält nichts, wobei er verweilte.
Das heißt: »Er hat Erfolg und gebraucht keine Gewalt.«

Wächst etwas schön heran
und altert es dann,
das heißt: »Nicht-Dao«.
»Nicht-Dao« endet früh.


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31

Nun, Waffen sind eine unheilvolle Gerätschaft.
Allgemein sind sie verachtet.
Also wird, wer etwas will, dabei nicht verweilen.

Also,
Waffen sind nicht die Gerätschaft des Edlen.
Waffen sind eine unheilvolle Gerätschaft.
Wenn er nicht umhin kann, gebraucht er sie. -
Ihm gilt Stillhalten das Höchste.
Finde keinen Gefallen daran.
Denn Gefallen daran zu finden,
das heißt: sich daran freuen, Menschen zu töten.
Nun, sich daran freuen, Menschen zu töten -
so kann in der Welt keine Absicht verwirklicht werden.

Gerade daher
gilt in Angelegenheiten des Glücks die Linke das Höchste
und in Angelegenheiten der Trauer die Rechte das Höchste.
Gerade daher
steht der Oberst zur Linken
und der General zur Rechten.
Das besagt:
Man nimmt dem Trauerritus entsprechend die Plätze ein.

Werden Menschenscharen getötet,
dann begegnet man dem mit Trauer und Schmerz.
Wird im Kriege gesiegt,
dann begeht man dies mit einem Trauerritus.


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32

Das Dao bleibt stets namenlos.
Das unbehauene Holz ist zwar nur ein Geringes,
doch wagt die Welt nicht,
es in Dienst zu nehmen.

Können Fürsten und Könige es bewahren,
dann unterwerfen sich die zehntausend Dinge von selbst.
Himmel und Erde vereinen einander,
um süßen Tau zu spenden.
Dem Volk befiehlt es keiner,
und doch tritt es von selbst ins Gleichgewicht.

Wird das Schnitzwerk begonnen,
dann gibt es die Namen.
Wenn es die Namen schon einmal gibt,
dann wird man wissen, wo aufzuhören ist.
Das Wissen ums Aufhören
bedingt das Ungefährdetsein.

Verglichen ist das Dao für die Welt,
was Ströme und Meere für kleine Flußtäler sind.


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33

Wer die Menschen kennt, ist wissend.
Wer sich selbst kennt, ist erhellt.
Wer die Menschen überwindet, der hat Kräfte.
Wer sich selber überwindet, der ist stark.
Wer weiß, wann es genug ist, der ist reich.
Wer aus Stärke handelt, der hat einen Willen.
Wer seinen Ort nicht einbüßt, der ist dauerhaft.
Wer stirbt und nicht vergessen wird, der hat ein langes Leben.


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34

Das Dao -
Wie es fließt!
Links und rechts kann es sein.

Vollbracht wird der Auftrag.
Der Pflicht wird gefolgt -
Und doch bleibt es namenlos.
Die zehntausend Dinge kehren sich ihm zu.
Und doch übt es nicht das Herrscheramt aus.
So ist es stetig und ohne Bestreben.
Nichtig mag sein Ruf sein.
Die zehntausend Dinge kehren sich ihm zu.
Und doch übt es nicht das Herrscheramt aus.
Zu Großem mag es berufen sein.

Gerade daher
kann der Heilige Großes vollbringen.
Weil er nichts Großes tut,
deshalb kann er Großes vollbringen.


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35

Wer die große Gestalt hält,
zu dem kommt die Welt.
Was kommt, bleibt unbeschadet.
Ruhe und Frieden gedeihen.

Wo musiziert und geschlemmt wird,
dort geht man vorbei,
dem geht man nach,
da bleibt man stehen.

Also, wird vom Dao gesprochen, heißt es:
Wie lech! - Es hat keinen Geschmack.
Schaut man darauf,
reicht's nicht, um es zu sehen.
Horcht man danach,
reicht's nicht, um es zu hören.
Gebraucht man es,
kann man es nicht erschöpfen.


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36

Was man zusammenziehen will,
muß unbedingt ausgedehnt werden.
Was man schwächen will,
muß man unbedingt stärken.
Was man entfernen will,
muß man unbedingt mit sich verbinden.
Was man an sich reißen will,
muß man unbedingt mit Geschenken bedenken.

Das heißt: »feine Klarheit«.
Das Weiche und Schwache besiegt das Starke.

Den Fisch
darf man nicht der Tiefe des Wassers berauben.
Die scharfe Gerätschaft im Staat
darf man den Menschen nicht zeigen.


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37

Das Dao bleibt stets namenlos.
Können Fürsten und Könige es bewahren,
dann wandeln sich die zehntausend Dinge von selbst.

Was sich wandelt und begehrt, sich zu regen,
das halte ich nieder mit dem namenlosen unbehauenen Holz.
Wird es niedergehalten mit dem namenlosen unbehauenen Holz,
nun, dann bleibt es unbescholten.
Indem es unbescholten bleibt,
wird Stille.

Himmel und Erde sind von selbst richtiggestellt.


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38

Höhere Kraft ist kraftlos -
gerade daher hat sie die Kraft.
Niedere Kraft läßt nicht von der Kraft -
gerade daher hat sie die Kraft nicht.

Höhere Kraft ist Nicht-Handeln ohne Wofür.
Höhere Menschlichkeit ist Handeln ohne Wofür.
Höhere Rechtlichkeit ist Handeln mit einem Wofür.
Höheres Wohlverhalten ist Handeln, dem nichts entspricht -
was man dann mit hochgekrempelten Armen erzwingt.

Also:
Geht das Dao verloren, folgt die Kraft.
Geht die Kraft verloren, folgt die Menschlichkeit.
Geht die Menschlichkeit verloren, folgt die Rechtlichkeit.
Geht die Rechtlichkeit verloren, folgt das Wohlverhalten.

Nun,
Wohlverhalten ist die Oberflächlichkeit von Treu und Glauben
und der Beginn des Durcheinanders.
Vorauswissen ist der Schein des Dao
und der Beginn der Einfalt.

Gerade daher wird, wer ein Mann von Größe ist,
sich in der Tiefe einrichten und nicht in der Oberflächlichkeit,
sich im Echten einrichten und nicht im Schein.

Also läßt er das eine und wählt das andere.


up

39

Von denen, die einst die Einheit erhielten:
Der Himmel erhielt die Einheit - zur Klarheit.
Die Erde erhielt die Einheit - zur Ruhe.
Die Geister erhielten die Einheit- zur Geisterkraft.
Die Flußtäler erhielten die Einheit - zur Fülle.
Fürsten und Könige erhielten die Einheit - um der Welt das Rechte zu schaffen.

Dies heißt weiterhin:
Der Himmel sei nicht schon klar —
sonst wird er sicher zerspringen.
Die Erde sei nicht schon ruhig -
sonst wird sie sicher zerbersten.
Die Geister seien nicht schon von Geisteskraft -
sonst werden sie sicher ermatten.
Die Flußtäler seien nicht schon gefüllt -
sonst werden sie sicher erschöpft.
Die Fürsten und Könige seien nicht schon von edelem Stand und dadurch von Hoheit -
sonst werden sie sicher verfallen.

Also,
muß, was edel ist, doch auf Niederem ruhn;
muß, was hoch ist, doch auf Unterem stehn.
Nun,
gerade daher nennen die Fürsten und Könige sich selbst
den »Verwaisten«, den »Verlassenen«, den »Unbegüterten«.
Gerade so ruhen sie auf dem Niederen - oder nicht?
Daher sind sie,
die die meisten Wagen haben, ohne Wagen.

Ebenso wünschen sie
weder zu glänzen wie Jade,
noch hart zu sein wie Stein.


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40

Die Wende ist des Daos Bewegen.
Die Schwäche ist des Daos Segen.

Die Dinge der Welt gehen hervor aus der Fülle.
Die Fülle geht hervor aus der Leere.


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41

Hört der höhere Mensch vom Dao,
kann er, sich mühend, es ausführen.
Hört der durchschnittliche Mensch vom Dao,
wird es zum Teil verwirklicht und zum Teil verdorben.
Hört der niedere Mensch vom Dao,
so lacht er laut darüber. -
Hätte er nicht darüber gelacht, dann hätte es auch als Dao nicht genügt.

Gerade daher ist ein Spruch gefügt, der heißt:
Das helle Dao gleicht der Düsternis.
Das fortschreitende Dao gleicht dem Rückschritt.
Das ebene Dao gleicht dem Holprigen.
Die höhere Kraft gleicht dem Flußtal.
Das reine Weiß gleicht dem Befleckten.
Die volle Kraft gleicht dem Mangel.
Die starke Kraft gleicht der Unbeständigkeit.
Die handfeste Echtheit gleicht dem Wechsel.

Das große Quadrat ist ohne Ecken.
Das große Gefäß wird spät vollendet.
Der große Klang hat stille Töne.
Die große Gestalt ist ohne Form.

Das Dao ist erhaben - und ohne Namen.
Nun,
allein das Dao ist gut für den Beginn
und gut für die Vollendung.


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42

Das Dao bringt die Einheit hervor.
Die Einheit bringt die Zweiheit hervor.
Die Zweiheit bringt die Dreiheit hervor.
Die Dreiheit bringt die zehntausend Dinge hervor.
Die zehntausend Dinge:
tragendes Yin, bergendes Yang -
vermischende Qi-Energie schafft Harmonie.

Was die Welt haßt,
ist verwaist, verlassen oder unbegütert zu sein -
und doch nennen die Fürsten und Könige sich selbst so.

Teils wird den Dingen gegeben,
indem ihnen genommen wird.
Teils wird ihnen genommen,
indem ihnen gegeben wird.

Also beherzigt der Mensch wieder das,
was ihn die Menschen lehrten,
wenn er die Menschen lehrt.

Also soll mir der Spruch
»Der Gewaltsame erreicht nicht sein natürliches Alter«
als Vater der Lehre gelten.


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43

Das Allerweichste der Welt
eilt flink hinweg über das Allerhärteste der Welt.
Was keine Fülle hat,
durchdringt, was ohne Zwischenraum ist.

Gerade daher weiß ich darum,
daß Nicht-Handeln nützlich ist.

Die Lehre des Nicht-Reden,
die Nützlichkeit des Nicht-Handeln:
in der Welt können wenige an sie gelangen.


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44

Ruf oder Leib - was steht näher?
Leib oder Güter- was wiegt mehr?
Gewinn oder Verlust - was ist schmerzlicher?

Wo tiefe Hingabe ist,
wird große Verausgabung sein.
Wo viel gehortet ist,
wird schwerer Verlust sein.

Also,
zu wissen, wann es genug ist, heißt ohne Schande zu sein;
zu wissen, wann Schluß ist, heißt ohne Gefährdung zu sein.
Lange Dauer wird möglich.


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45

Die große Vollendung gleicht der Lücke, -
ihr Nutzen wird nicht abgenutzt.
Das groß Gefüllte gleicht dem Leeren, -
sein Nutzen wird nicht erschöpft.

Die große Geradheit gleicht der Krümmung.
Das große Geschick gleicht der Unbeholfenheit.
Der große Gewinn gleicht dem Mangel.

Rührigkeit besiegt die Kälte.
Ruhe besiegt die Hitze.
Stille und Ruhe braucht es,
um die Welt richten zu können.


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46

Hat die Welt das Dao,
führt man die Reitpferde zum Düngen der Felder zurück.
Hat die Welt das Dao nicht,
werden Kriegspferde auf den Weiden vor der Stadt großgezogen.

Von den Verbrechen ist keines größer,
als die Begierden gewähren zu lassen.
Von den Unglücken ist keines größer,
als nicht zu wissen, wann es genug ist.
Von den Übeln ist keines schmerzlicher,
als die Begierde nach Besitz.

Also,
das Genügen des Wissens, wann es genug ist,
ist stetes Genügen.


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47

Nicht vor die Tür hinaustreten,
um die Welt zu kennen.
Nicht aus dem Fenster schauen,
um das Dao des Himmels zu kennen.

Umso weiter das Hinaustreten,
umso geringer die Kenntnis.

Gerade daher
kennt der Heilige, ohne zu gehn,
benennt, ohne zu sehn,
und vollendet, ohne zu handeln.


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48

Wer das Lernen betreibt,
gewinnt täglich hinzu.
Wer vom Dao hört,
wird täglich geringer.

Geringer werden und wieder geringer werden,
um zum Nicht-Handeln zu kommen.
Nicht-Handeln
und nichts bleibt ungetan.

Will man die Weltherrschaft ergreifen,
bleibe man stets ohne Verpflichtung.
Sobald man eine Verpflichtung hat,
genügt man wieder nicht dazu,
die Weltherrschaft zu ergreifen.


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49

Der Heilige bleibt stets ohne Herz,
das Herz des Volkes ist ihm das Herz.

Das Taugliche gilt ihm als tauglich
und das Untaugliche gilt ihm gleichfalls als tauglich.
So erhält er die Tauglichkeit.
Das Glaubwürdige gilt ihm als glaubwürdig
und das Unglaubwürdige gilt ihm gleichfalls als glaubwürdig.
So erhält er die Glaubwürdigkeit.

Wenn der Heilige in der Welt residiert,
vereinigt er sich mit ihr.
Der Welt verschmelzt er die Herzen.
Das ganze Volk heftet Augen und Ohren an ihn
und dem Heiligen sind sie alle gleich lächelnden Kindern.


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50

Hinausgehen ins Leben,
Eintreten in den Tod.

Die Begleiter des Lebens sind dreizehn.
Die Begleiter des Todes sind dreizehn.
Und für die Menschen, die sich ihr Leben lebend bewegen,
werden sie alle zu dreizehn Stellen des Weges in den Tod.
Und aus welchem Grund?
Weil jene das Leben leben.

Nun, man hört von denen, die das Leben gut in der Hand haben.
Gehen sie über die Berge,
weichen sie weder vor Büffeln noch vor Tigern.
Ziehen sie in den Krieg,
tragen sie weder Rüstung noch Waffen.
Für die Büffel ist nichts da,
wohin ihre Hörner stießen.
Für die Tiger ist nichts da,
wonach ihre Krallen griffen.
Für die Waffen ist nichts da,
was ihre Klingen faßte.
Und aus welchem Grund? -
Weil jene keine Stellen des Todes haben.


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51

Das Dao bringt sie hervor.
Die Kraft hegt sie.
Als Dinge sind sie geformt.
Als Geräte sind sie vollendet.

Gerade daher
ehren die zehntausend Dinge das Dao
und schätzen die Kraft.
Die Verehrung des Dao, das Hochschätzen der Kraft:
keiner wird dafür ausgezeichnet
und stets entsteht es von selbst.

Das Dao
bringt sie hervor,
hegt sie,
läßt sie wachsen,
begleitet sie,
schützt sie,
zieht sie auf,
nährt sie,
bewacht sie.

Hervorbringen, ohne zu besitzen;
handeln, ohne abhängig zu sein;
wachsen lassen, und nicht befehlen.
Das heißt: »verborgene Kraft«.


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52

Die Welt hat einen Anfang
er gilt als Mutter der Welt.
Erfasse die Mutter, um die Söhne zu kennen.
Kehre um zur Mutter und bewahre sie,
bleibe ungefährdet von der Vergänglichkeit des Leibes.

Stopfe die Öffnungen,
schließe die Eingänge -
bleibe unbelastet vom Ende des Leibes.

Öffne die Öffnungen,
betreibe die Geschäftigkeiten -
bleibe unerrettet vom Ende des Leibes.

Die Kleinheit sehen heißt Klarheit.
Die Weichheit bewahren heißt Stärke.

Nutze den Glanz,
kehre zurück zu der Klarheit,
überlasse den Leib nicht dem Unheil.

Das heißt: »Der Beständigkeit folgen«.


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53

Hätte ich Wissen in großem Maße
und ginge den großen Weg,
wäre meine Sorge einzig abzuweichen.
Der große Weg ist sehr eben.
Die Menschen lieben die Gebirgspfade sehr.

Das Herrscherhaus ist sehr verkommen.
Die Felder liegen sehr brach.
Die Kornspeicher sind sehr leer.
Die Kleidung ist schmuckvoll und prächtig -
am Gürtel hängt ein scharfes Schwert.
Der Speisen ist man satt
und Güter und Besitz gibt es im Überfluß.
Das heißt: »Räuberei«.
Räuberei ist nicht der Weg.


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54

Das gut Gefestigte wird nicht enthoben.
Das gut Umfaßte wird nicht abgetan.
Söhne und Enkel führen die Ahnenopfer ungebrochen fort.

Erreicht die Kultivierung den Leib,
wird die Kraft echt.
Erreicht die Kultivierung die Familie,
wird die Kraft üppig.
Erreicht die Kultivierung die Dorfgemeinschaft,
wird die Kraft dauerhaft.
Erreicht die Kultivierung den Staat,
wird die Kraft reich.
Erreicht die Kultivierung die Welt,
wird die Kraft weit.

Gemäß des Leibes den Leib überschauen,
gemäß der Familie die Familie überschauen,
gemäß der Dorfgemeinschaft die Dorfgemeinschaft überschauen,
gemäß dem Staat den Staat überschauen,
gemäß der Welt die Welt überschauen!

Wodurch kenne ich den Zustand der Welt?
Dadurch.


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55

Wer die Völle der Kraft in sich birgt,
ist einem Kleinkind gleich:
Wespen, Skorpione, Nattern und Schlangen
beißen ihn nicht.
Raubvögel und wilde Tiere
greifen ihn nicht.
Knochen und Muskeln sind weich und schwach -
aber der Griff ist fest.
Er weiß nichts von der Vereinigung des Männlichen und Weiblichen -
aber der Penis ist aufgerichtet.
Das ist das Maximum der Lebenskraft.
Den ganzen Tag brüllt er,
ohne heiser zu werden.
Das ist das Maximum der Ausgeglichenheit.

Ausgeglichenheit zu kennen, das heißt: Stetigkeit.
Stetigkeit zu kennen, das heißt: Klarheit.
Das Leben zu steigern, das heißt: schlechtes Vorzeichen.
Zwingt das Herz die Qi-Energie, das heißt: Gewalt.

Wächst etwas schön heran
und altert es dann,
das heißt: »Nicht-Dao«.
»Nicht-Dao« endet früh.


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56

Wer weiß, redet nicht.
Wer redet, weiß nicht.

Die Öffnungen stopfend,
die Eingänge schließend;
den Glanz dämpfend,
den Staub ebnend;
das Spitze zerstoßend,
die Verstrickungen lösend:
Das heißt: »verborgene Einheit«.

Also,
kann man ihn nicht zum Vertrauten machen
und kann ihn auch nicht entfernen;
kann man ihm keinen Gewinn bringen
und kann ihm auch keinen Schaden zufügen,
kann man ihm keine Ehren erweisen
und kann ihn auch nicht mißachten.
Also wird er von der Welt geehrt.


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57

Mittels Richtigstellen den Staat ordnen.
Mittels Listigkeit das Militär gebrauchen.
Mittels Aufgabenlosigkeit die Welt an sich nehmen.

Woher weiß ich, daß es sich so verhält?

Nun denn:
Gibt es in der Welt viel, was zu meiden und seinzulassen ist,
dann wird das Volk immer ärmer.
Hat das Volk vielerlei tückische Gerätschaften,
dann geraten Staat und Familie um so mehr durcheinander.
Haben die Menschen viel Wissen,
dann kommen um so mehr seltsame Dinge auf.
Werden die Gesetzesdinge immer bekannter gemacht,
dann gibt es Verbrecher und Räuber in großer Zahl.

Gerade daher lauten die Worte des Heiligen:
Ich handle nicht,
und das Volk wandelt sich von selbst.
Ich liebe die Ruhe,
und das Volk stellt sich von selbst richtig.
Ich bin ohne Aufgabe,
und das Volk wird von selbst reich.
Ich begehre, ohne zu begehren,
und das Volk wird von selbst schlicht.


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58

Wessen Regieren verdeckt und undurchsichtig ist,
dessen Volk wird ehrlich und rein.
Wessen Regieren bestimmbar und offenliegend ist,
dessen Land wird hinterlistig und falsch.

Das Unglück ist es,
worauf das Glück beruht.
Das Glück ist es,
was das Unglück birgt.
Wer kennt das Ende?

Indem es durch nichts richtiggestellt ist -
wird das Richtige wieder entstellt,
und das Taugliche wieder verdreht.
Die Verwirrung der Menschen -
deren Tage dauern beständig an.

Gerade daher,
sei redlich, ohne zu schaden,
sei aufrichtig, ohne zu verletzen,
sei geradlinig, ohne zu beleidigen,
sei glanzvoll, ohne zu blenden.


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59

Um die Menschen zu regieren,
um dem Himmel zu dienen,
kommt nichts der »Schonung« gleich.
Nun, allein durch die »Schonung«
gerade daher entsteht frühes Fügen.
Frühes Fügen, das heißt:
vielfach gesammelte Kraft.
Vielfach gesammelte Kraft -
so bleibt nichts unüberwunden.
Er, dem nichts unüberwunden bleibt -
sein Ende kennt keiner.
Indem keiner sein Ende kennt,
kann ihm der Staat gehören.
Indem ihm die Mutter des Staates gehört,
kann er lang überdauern.
Das heißt: »tiefe Verwurzelung« und »feste Grundlage«.
Es ist der Weg des langen Lebens
und der dauernden Gegenwärtigkeit.


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60

Regiere den großen Staat,
wie man kleine Fische brät.

Weise, gemäß dem Dao, die Plätze zu in der Welt,
dann treiben die Geister ihr Unwesen nicht.
Nicht nur, daß die Geister ihr Unwesen nicht treiben -
ihr Unwesen schadet den Menschen nicht.
Nicht nur, daß ihr Unwesen den Menschen nicht schadet
auch der Heilige schadet ihnen nicht.

Nun,
zwei schaden einander nicht:
Also überträgt sich die Kraft und kehrt zu ihm um.


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61

Ein großer Staat ist
ein untenliegendes Gewässer,
das Weibliche der Welt,
die Verbindung der Welt.
Das Weibliche überwindet das Männliche
stets durch Ruhe.
Weil es ruht,
deshalb gebührt es ihm, unten zu liegen.

Indem ein großer Staat
unterhalb eines kleinen Staates liegt,
nimmt er den kleinen Staat auf.
Indem ein kleiner Staat
unterhalb eines großen Staates liegt,
wird er vom großen Staat aufgenommen.
Also,
das eine nimmt auf, indem es unten liegt,
das andere wird aufgenommen, indem es unten liegt.

Also,
ein großer Staat will nicht mehr,
als die Menschheit zusammenführen und nähren,
ein kleiner Staat will nicht mehr,
als sich der Menschheit anschließen und ihr dienen.
Nun,
wenn beiden Wünschen entsprochen wird,
dann gebührt es dem Großen, unten zu sein.


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62

Das Dao ist
der Fluß der zehntausend Dinge,
der Schatz der tauglichen Menschen,
die Zuflucht der untauglichen Menschen.

Mit schönen Worten
kann man Handel treiben.
Mit höflichem Getue
kann man andere umschmeicheln.
Das Untaugliche der Menschen - warum es abtun?

Also:
Wird der Kaiser inthronisiert,
werden die drei Minister bestellt,
und wartet man ihnen
mit Jadesteinen und Vierergespännen auf,
dann ist das doch nicht so gut,
wie zu verharren und »Dieses« vorzubringen.

Warum war in alter Zeit »Dieses« hochangesehen?
Sagt man denn nicht:
»Bestrebungen werden dadurch erfüllt,
Verfehlungen werden dadurch vergeben«?
Also wird es in der Welt hochangesehen.


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63

Handle das Nicht-Handeln.
Bewältige die Aufgabe der Aufgabenlosigkeit.
Schmecke das Geschmacklose.

Nehme das Kleine für groß.
Nehme das Wenige für viel.

Begegne Empörung mit Kraft.

Unternimm Schweres
ausgehend vom Leichten daran.
Schaffe Großes
ausgehend vom Kleinen daran.
Das Schwere der Welt
hebt an mit dem Leichten.
Das Große der Welt
hebt an mit dem Kleinen.
Gerade daher
wird der Heilige niemals Großes tun.
Also kann er Großes vollenden.

Nun:
Wer leichtfertig zusagt,
wird gewiß wenig glaubwürdig sein.
Wer viel leichtnimmt,
wird gewiß viel Schwerem begegnen.
Gerade daher nimmt sogar der Heilige schwer.
Also bleibt ihm schließlich keine Schwierigkeit mehr.


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64

Ruhiges ist leicht zu halten,
Noch nicht Verheißenem ist leicht vorgebeugt.
Zartes ist leicht zu brechen,
Feines ist leicht zu zerstreuen.

Wirke, wenn noch nichts geschehen ist.
Ordne, wenn noch nichts in Unordnung ist.

Ein Baum, mit beiden Armen zu umfassen,
erwächst aus einem winzigen Sproß.

Ein Turm, neun Stockwerke hoch,
entsteht aus einem Korb Erde.
Ein Anstieg, von hunderten, tausenden Schritten,
beginnt unter dem Tritt eines Fußes.

Wer handelt scheitert dabei.
Wer festhält, verliert's.
Gerade daher wird der Heilige
nicht handeln und also scheitert er nicht,
nicht festhalten und also verliert er nichts.

Geht das Volk den Aufgaben nach,
so scheitert es stets bei der Vollendung.
Also heißt es:
Sei auf das Ende so achtsam wie auf den Beginn,
dann wirst du nicht an der Aufgabe scheitern.

Gerade daher
begehrt der Heilige, ohne zu begehren
und schätzt keine schwer zu erwerbenden Güter.
Er lernt, ohne zu lernen
und wendet sich dem wieder zu,
was die Menge hinter sich ließ.
Er vermag es,
den eigenen Lauf der zehntausend Dinge zu unterstützen,
und wagt doch nicht zu handeln.


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65

Die in alter Zeit das Dao ausführten,
taten dies nicht, indem sie das Volk zur Einsicht brachten,
sondern, indem sie es einfältig machten.

Nun:
Das Volk ist schwer zu regieren,
wenn es Kenntnisse hat.

Also:
Den Staat zu beherrschen, indem man ihn wissend macht:
das ist ein Verbrechen am Staat.
Den Staat zu beherrschen, indem man ihn unwissend macht:
das ist dem Staat die Kraft.

Wer stets dieses beides beherrscht,
der findet sozusagen die Form.
Stets die gefundene Form zu beherrschen:
das heißt »verborgene Kraft«.

Die »verborgene Kraft«
ist tiefgehend und weitreichend
und gibt den Dingen die Wende.
So ist die große Fügung erreicht.


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66

Die Ströme und Meere vermögen,
hunderten von Flußtälern König zu sein,
weil sie die Güte haben, tiefer als jene zu liegen.
Gerade daher vermögen sie,
hunderten von Flußtälern König zu sein.

Gerade daher:
Wenn der Heilige wünscht, über dem Volk zu stehen,
muß er sich in seinen Worten unter es stellen.
Wenn er wünscht, dem Volk voranzustehen,
muß er seine Person ihm hintanstellen.

Also
steht er über dem Volk,
aber es fühlt dabei keine Last;
steht er dem Volk vor,
aber es sieht darin keinen Schaden.

Alle in der Welt
werden ihm freudig Vorrang gebieten,
ohne seiner je überdrüssig zu sein.
Geschieht das nicht,
weil er nicht streitet?
Also kann nichts in der Welt mit ihm streiten.


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67

Alles in der Welt nennt mich »groß« -
groß und nichtsnutzig.
Nun,
allein was nichtsnutzig ist,
kann also groß sein.
Nutzte es zu etwas, wie lang wäre es winzig!

Nun,
drei Schätze habe ich stets,
die ich halte und schätze:
der erste heißt: Fürsorglichkeit,
der zweite heißt: Einschränkung,
der dritte heißt: nicht wagen, der Welt voranzustehen.

Nun, Fürsorglichkeit:
so ist Mut möglich,
Einschränkung:
so ist Ausbreitung möglich,
nicht wagen, der Welt voranzustehen:
so ist es möglich, dem, das die Gerätschaft bildet,
vorgesetzt zu sein.
Jetzt:
gibt man die Fürsorglichkeit auf
und bleibt mutig,
gibt man die Einschränkung auf
und bleibt ausgebreitet,
gibt man die Zurückgezogenheit auf
und bleibt voran,
dann stirbt man.

Nun, Fürsorglichkeit
im Kampf,
dann wird man siegen;
bei der Verteidigung,
dann wird man bestehn.

Will der Himmel etwas errichten,
dann umgibt er es gleichsam mit Fürsorglichkeit.


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68

Also:
Der gute Soldat
ist nicht kriegerisch.
Der gute Kämpfer
erzürnt nicht.
Wer es gut beherrscht, Feinde zu schlagen,
der tritt ihnen nicht entgegen.
Wer es gut beherrscht, Menschen zu nutzen,
der stellt sich niedriger als sie.

Das heißt: »Kraft des Nicht-Streitens«.
Das heißt: »Menschen nutzen«.
Das heißt: »Dem Himmel entsprechen«.
Es ist das Höchste des Altertums.


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69

Die Strategen haben einen Spruch:
»Ich wage nicht, der Herr zu sein
und bin der Gast.
Ich schreite keinen Fußbreit vor
und weiche einen Schritt zurück.«

Das bedeutet:
Ausführen ohne auszuführen.
Die Ärmel hochkrempeln, ohne die Arme zu entblößen.
Im Griff haben ohne Waffengewalt.
Widerstehen ohne Feindseligkeit.

Das größte Unglück ist es,
keinen Feind zu haben.
Ohne Feind
bin ich nahe daran, meine Schätze zu verlieren.

Also:
Wird zu den Waffen gegriffen
und herrscht dabei Gleichgewicht,
dann siegt der Besorgte.


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70

Meine Worte
sind leicht zu beherrschen,
und leicht ausgeführt.
Und in der Welt
vermag es doch niemand, sie zu beherrschen,
vermag es doch niemand, sie auszuführen.

Nun,
Worte haben einen Vater,
Taten haben einen Herrn.

Nun,
allein wegen des Nicht-Beherrschens -
gerade daher bleibe ich unbeherrscht.
Diejenigen, die beherrschen, sind wenig.
Deshalb bin ich hochgeschätzt.

Gerade daher
trägt der Heilige einfache Bekleidung -
aber in sich
trägt er Jade.


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71

Das Nicht-Beherrschen zu beherrschen
ist das Höchste.
Das Nicht-Beherrschen nicht zu beherrschen
ist ein Makel.

Gerade daher
ist der Heilige eben deshalb makellos,
weil er den Makel als Makel erkennt.
Gerade daher ist er makellos.


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72

Fürchtet das Volk das Ehrfürchtige nicht,
dann naht das große Fürchten bald.

Beschränke es nicht in seiner Behausung.
Bedrücke es nicht in seinem Lebensbedarf.
Nun,
nur wenn man es nicht bedrückt,
wird es nicht überdrüssig.

Gerade daher wird der Heilige
sich beherrschen und sich nicht zeigen,
sich sorgen und sich nicht preisen.
Also läßt er das eine und wählt das andere.


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73

Dem Mut zu wagen
folgt der Tod.
Dem Mut, nicht zu wagen
folgt das Leben.
Von diesen beiden nutzt das eine und das andere schadet.
Wer kennt den Grund, warum der Himmel Unheil bringt?

Das Dao des Himmels:
Ohne zu kämpfen, taugt es für den Sieg,
ohne zu sprechen, wird ihm gut entsprochen,
ohne zu rufen kommt man doch von selbst herbei,
gelassen bleibend taugt es doch dazu,
Maßnahmen vorzubereiten.

Das Netz des Himmels ist weitgespannt,
grobmaschig ist es und läßt doch nichts aus.


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74

Wenn das Volk den Tod überhaupt nicht fürchtet,
wie soll es dann die Todesstrafe schrecken?
Wenn das Volk den Tod überhaupt fürchtet,
und ich die, die sich widrig verhalten,
festnehme und hinrichte -
wer wagte dann so etwas noch?
Wenn das Volk den Tod überhaupt fürchten soll,
dann muß es immer einen Henker geben.

Nun,
den Henker beim Henken ersetzen zu wollen,
das bedeutet, den Holzfäller beim Holzfällen zu ersetzen.
Wird der Holzfäller ersetzt,
dann bleibt dabei selten die Hand unverletzt.


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75

Der Hunger der Menschen:
Weil man auf das Getreide zu hohe Steuern erhebt -
gerade daher wird gehungert.

Die Unordnung unter den Leuten:
Weil die Oberen ein »Wofür« haben -
gerade daher herrscht Unordnung.

Das Leichtnehmen des Todes im Volke:
Weil man nach der Fülle des Lebens strebt -
gerade daher wird der Tod leichtgenommen.

Nun,
allein nichts für das Leben zu tun:
Das ist weiser als das Leben zu schätzen.


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76

Lebendig ist der Mensch
biegsam und weich,
tot ist er, ausgestreckt das Ende erreichend,
fest und hart.
Lebendig sind die zehntausend Dinge, Gräser und Hölzer
biegsam und zart,
tot sind sie
vertrocknet und morsch.

Also heißt es:
Festigkeit und Härte
sind die Begleiter des Todes.
Biegsamkeit, Weichheit, Winzigkeit, Feinheit
sind die Begleiter des Lebens.

Sind die Waffen hart,
dann siegen sie nicht.
Sind die Hölzer hart,
dann haben sie ihr Ende erreicht.

Das Harte und Große
steht unten.
Das Biegsame, Weiche, Winzige und Feine
steht oben.


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77

Das Dao des Himmels gleicht dem Spannen eines Bogens:
Was hoch ist, wird gedrückt,
was tief ist, wird gehoben.
Wo zu viel ist, da wird genommen,
wo fehlt, da wird ergänzt.

Also:
Das Dao des Himmels
nimmt, wo zu viel ist und spendet da, wo etwas fehlt.
Das Dao des Menschen
nimmt da, wo etwas fehlt und gibt, wo zu viel ist.

Nun,
wer kann, da er zuviel hat, noch dazu dem Himmel geben? -
Alleine wer das Dao hat!

Gerade daher
besitzt der Heilige nicht, was er schafft,
und hat nicht seinen Platz bei dem, was er erreicht.
von dieser Art ist seine Unlust,
als Weiser angesehn zu sein.


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78

Nichts in der Welt
ist geschmeidiger und weicher als Wasser,
doch nichts kann besser als es
dem Festen und Harten zusetzen. -
Denn es läßt sich nicht wandeln.

Daß das Wasser das Massive besiegt,
daß das Weiche das Harte besiegt -
keiner auf der Welt, der das nicht wüßte,
und doch keiner, der es anzuwenden vermag.

Also lauten die Worte des Heiligen:
Das Schändliche im Staat auf sich zu nehmen -
das bedeutet,
Herrscher der Erd- und Getreidealtäre zu sein.
Das Unheilvolle im Staat auf sich zu nehmen -
das bedeutet,
König der Welt zu sein.
Rechte Worte sind wie verkehrt.


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79

Wenn ein großes Ärgernis geschlichtet ist,
muß doch ein Rest des Ärgernisses bleiben.
Wie kann da noch Taugliches geschehen.

Gerade daher
hat der Heilige die rechten Hälften der Verträge,
doch bürdet damit nichts den Menschen auf.

Also:
wer »Kraft« besitzt,
sorgt sich um die Verträge.
Wer keine »Kraft« besitzt,
sorgt sich um die Besteuerung.

Nun,
der Weg des Himmels hat keinen, der ihm nahesteht,
stets ist er mit dem Menschen, der was taugt.


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80

Ein kleines Land, wenig Menschen.

Soldaten und Waffen werden gewährt,
und bleiben doch ungenutzt.
Die Menschen werden in Furcht vor dem Tod gehalten,
und es liegt ihnen fern auszuwandern.
Man hat Boote und Wagen,
die niemand besteigt.
Man hat Schilde und Schwerter,
die keiner erhebt.
Dem Volk gibt man wieder die Knotenschrift zum Gebrauch.

Süß sei das Essen.
Schön sei die Kleidung.
Froh seien die Sitten.
Friedlich seien die Wohnstätten.

Die Nachbarländer liegen in Sichtweite gegenüber,
gegenseitig hört man das Lärmen der Hähne und Hunde.
Aber bis ins Alter, bis in den Tod
reisen die Menschen nicht hin und her.


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81

Glaubwürdig zu reden ist unschön.
Schön zu reden ist unglaubwürdig.

Wer weiß, ist ungelehrt.
Wer gelehrt ist, weiß nichts.

Was taugt, ist nicht viel.
Was viel ist, taugt nicht.

Der Heilige hortet nicht:
indem er so für die Anderen wirkt,
hat er selbst um so mehr;
indem er so den Anderen gibt,
gewinnt er selbst mehr hinzu.

Also:
Das Dao des Himmels nützt,
ohne zu schaden.
Das Dao des Menschen wirkt,
ohne zu entzweien.

Mit freundlicher Genehmigung von S. Fischer Verlag GmbH.

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