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Tao Te King von Lao Tse |
O. Sumitomo, 1945 Home | Index |
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LAO-TSE
Das Buch des Lao-tse ist nicht bloß eines der ehrwürdigsten und wichtigsten Dokumente des chinesischen Glaubens und der chinesischen Geistesgeschichte - es gehört schon längst der ganzen Menschheit. Nur wenig weiß man über seinen Verfasser; denn dessen Streben war es, sich selbst zu verbergen und ohne Namen zu bleiben, so heißt es bereits bei dem Geschichtsschreiber Si Ma Tsien, der 163 - 85 vor Christi gelebt hat. Ihm verdankt man auch die wesentlichen Daten über Lao-tse, was gar kein Eigenname ist, sondern so viel wie "der Alte" bedeutet. Er stammte höchstwahrscheinlich aus der heutigen Provinz Honan und ist vielleicht ein halbes Jahrhundert älter gewesen als Konfuzius, so daß seine Geburt auf das Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts fällt.
Si Ma Tsien, dessen Denkwürdigkeiten den ersten Versuch einer zuverlässigen Geschichte Chinas darstellen, berichtet, Lao-tse habe am Kaiserlichen Hofe das Amt eines Archivars bekleidet. Damals sei es auch gewesen, daß Konfuzius den Lao-tse besuchte, ein Zusammentreffen, das nicht nur in der gesamten chinesischen Literatur einen bedeutsamen Platz einnimmt, sondern schon im 2. und 3. vorchristlichen Jahrhundert so volkstümlich geworden war, daß diese denkwürdige Begegnung auch in die bildende Kunst einging, wo sich Skulpturen finden, auf denen Konfuzius dem Lao-tse als Ehrengabe einen Fasan überreicht. Dieser Besuch soll nach der Überlieferung im 35. Lebensjahre des Konfuzius, 517 vor Christi, stattgefunden haben. Wenn es andernwärts heißt, Lao-tse sei am 17. Tag des 9. Monats im 3. Jahre der Regierung des Kaisers Ting-Wang (607 - 585) geboren, so würde das dem Jahre 604 vor Christi entsprechen und Lao-tse müßte bei dem Besuche im hohen Alter von 87 Jahren gestanden sein, was sehr wohl zu der Ehrfurcht paßt, die auf dem Bilde der Jüngere dem Älteren erweist.
Si Ma Tsien berichtet weiter, wie sich Lao-tse, als er den Verfall des Reiches sah, in die Einsamkeit zurückzog. Am Han Gu-Paß soll der Befehlshaber Yin Hi den Weisen gebeten haben, das Buch zu schreiben. Er tat es in zwei Abschnitten, in denen er den Begriff des TAo und der Tugend in fünftausend und einigen Worten niederlegte. Dann ging er fort, und niemand weiß, wohin. Das ist der Schluß dieser schönen Erzählung, an welche sich bald auch die Sage knüpfte, Lao-tse sei nach Indien weitergewandert und dort mit Buddha zusammengekommen. Dieses Spiel der Phantasie des Volkes ist gewiß nicht verwunderlich; in Wirklichkeit aber ist der Han Gu-Paß noch mitten in China, und nie hat eine Begegnung zwischen Lao-tse und Buddha stattgefunden.
So hat sich die Persönlichkeit des Lao-tse schon früh in eine mythische Welt verflüchtigt und nichts blieb von ihm greifbar als sein Werk und sein Geist, von dem China seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert erfüllt ist. Schon in der Han-Dynastie wandten sich verschiedene Kaiser dem Studium des äußerlich kleinen und innerlich so großen Buches zu, so daß die friedliche und einfach Regierungsart des Han Wen Di (179 - 157) wie die Erfüllung der Lehren des Alten erscheint. Der Nachfolger des vorgenannten Kaisers war Han Ging Di (156 - 140) und gab dem Buche den Namen Tao-te-king, den es bis heute behalten hat. Ob man nun das Wort Tao mit Gott, Weg, Wort oder Vernunft übersetzt, immer bleibt es ein philosophisches Gleichnis, für das man auch Natur, Wesen, Kraft oder Geist sagen könnte.
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Wenn von den zahlreichen Übertragungen des Tao-te-king, dieses klassischen Buches von der Vernunft und der Tugend, diejenige von O. Sumitomo gewählt wurde, so geschah es aus dem Grunde, weil sie die nimmermüde philologische Arbeit von Stanislaus Julien über Viktor von Strauß und Richard Wilhelm bis zu den neuesten Sinologen gewissenhaft abwägend berücksichtigt und sich dabei dem deutschen Sprachgeiste gut anschmiegt. Wo aber die wissenschaftlichen Meinungen auseinandergehen, da greift sie auf den bilderschriftlichen Sinn der chinesischen Zeichen zurück. Denn Bild und Schrift sind in China untrennbar miteinander verbunden. Das Wort kann die Brücke zum Verständnis nur schlagen, wenn es in schöpferischer Symboldeutung den Sinn der alten Zeichen erfaßt, wie sie sich über zwei Jahrtausende hin in der chinesischen Schrift allmählich entwickelt und gewandelt haben. So scheint es nur richtig und schön, wenn uralte Volksverse, die Lao-tse dem ewigen Boden seiner Heimat entnommen hat, in volkstümlicher Form und einfachen Reimen wiedergegeben werden.
Sympathisch muß es berühren, daß an den Stellen, wo die alte Schrift dunkel bleibt, nichts gewaltsam in die Worte des Meisters hineingezwängt ist. Es war immer ein Fehler in den Übersetzungen, daß die Theosophen einen Theosophen, die Pantheisten einen Pantheisten und die Materialisten gar einen platten Nützlichkeitsprediger aus Lao-tse machen wollten.
Wenn für den Leser in den Blättern dieses Buches nichts zu sinnen und zu grübeln bliebe, dann wäre es nicht die Weisheit des Ostens, wäre es nicht eine der schönsten, tiefsten und merkwürdigsten Schöpfungen der Weltliteratur, wäre es nicht die Suche nach dem Weg zu Tao.
Der Herausgeber (Werner A. Classen)
Im Buch sind die folgenden Zeilen umgekehrt angegeben:
geschieht das um den Preis der Einfalt.
Wenn der gemeine Mann brauchbar wird,