Das
Tao Te King
von
Lao Tse
German interpretation by
O. Sumitomo, 1945

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Vorwort/Foreword
LAO-TSE

Das Buch des Lao-tse ist nicht bloß eines der ehrwürdigsten und wichtigsten Dokumente des chinesischen Glaubens und der chinesischen Geistesgeschichte - es gehört schon längst der ganzen Menschheit. Nur wenig weiß man über seinen Verfasser; denn dessen Streben war es, sich selbst zu verbergen und ohne Namen zu bleiben, so heißt es bereits bei dem Geschichtsschreiber Si Ma Tsien, der 163 - 85 vor Christi gelebt hat. Ihm verdankt man auch die wesentlichen Daten über Lao-tse, was gar kein Eigenname ist, sondern so viel wie "der Alte" bedeutet. Er stammte höchstwahrscheinlich aus der heutigen Provinz Honan und ist vielleicht ein halbes Jahrhundert älter gewesen als Konfuzius, so daß seine Geburt auf das Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts fällt.

Si Ma Tsien, dessen Denkwürdigkeiten den ersten Versuch einer zuverlässigen Geschichte Chinas darstellen, berichtet, Lao-tse habe am Kaiserlichen Hofe das Amt eines Archivars bekleidet. Damals sei es auch gewesen, daß Konfuzius den Lao-tse besuchte, ein Zusammentreffen, das nicht nur in der gesamten chinesischen Literatur einen bedeutsamen Platz einnimmt, sondern schon im 2. und 3. vorchristlichen Jahrhundert so volkstümlich geworden war, daß diese denkwürdige Begegnung auch in die bildende Kunst einging, wo sich Skulpturen finden, auf denen Konfuzius dem Lao-tse als Ehrengabe einen Fasan überreicht. Dieser Besuch soll nach der Überlieferung im 35. Lebensjahre des Konfuzius, 517 vor Christi, stattgefunden haben. Wenn es andernwärts heißt, Lao-tse sei am 17. Tag des 9. Monats im 3. Jahre der Regierung des Kaisers Ting-Wang (607 - 585) geboren, so würde das dem Jahre 604 vor Christi entsprechen und Lao-tse müßte bei dem Besuche im hohen Alter von 87 Jahren gestanden sein, was sehr wohl zu der Ehrfurcht paßt, die auf dem Bilde der Jüngere dem Älteren erweist.

Si Ma Tsien berichtet weiter, wie sich Lao-tse, als er den Verfall des Reiches sah, in die Einsamkeit zurückzog. Am Han Gu-Paß soll der Befehlshaber Yin Hi den Weisen gebeten haben, das Buch zu schreiben. Er tat es in zwei Abschnitten, in denen er den Begriff des TAo und der Tugend in fünftausend und einigen Worten niederlegte. Dann ging er fort, und niemand weiß, wohin. Das ist der Schluß dieser schönen Erzählung, an welche sich bald auch die Sage knüpfte, Lao-tse sei nach Indien weitergewandert und dort mit Buddha zusammengekommen. Dieses Spiel der Phantasie des Volkes ist gewiß nicht verwunderlich; in Wirklichkeit aber ist der Han Gu-Paß noch mitten in China, und nie hat eine Begegnung zwischen Lao-tse und Buddha stattgefunden.

So hat sich die Persönlichkeit des Lao-tse schon früh in eine mythische Welt verflüchtigt und nichts blieb von ihm greifbar als sein Werk und sein Geist, von dem China seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert erfüllt ist. Schon in der Han-Dynastie wandten sich verschiedene Kaiser dem Studium des äußerlich kleinen und innerlich so großen Buches zu, so daß die friedliche und einfach Regierungsart des Han Wen Di (179 - 157) wie die Erfüllung der Lehren des Alten erscheint. Der Nachfolger des vorgenannten Kaisers war Han Ging Di (156 - 140) und gab dem Buche den Namen Tao-te-king, den es bis heute behalten hat. Ob man nun das Wort Tao mit Gott, Weg, Wort oder Vernunft übersetzt, immer bleibt es ein philosophisches Gleichnis, für das man auch Natur, Wesen, Kraft oder Geist sagen könnte.

*

Wenn von den zahlreichen Übertragungen des Tao-te-king, dieses klassischen Buches von der Vernunft und der Tugend, diejenige von O. Sumitomo gewählt wurde, so geschah es aus dem Grunde, weil sie die nimmermüde philologische Arbeit von Stanislaus Julien über Viktor von Strauß und Richard Wilhelm bis zu den neuesten Sinologen gewissenhaft abwägend berücksichtigt und sich dabei dem deutschen Sprachgeiste gut anschmiegt. Wo aber die wissenschaftlichen Meinungen auseinandergehen, da greift sie auf den bilderschriftlichen Sinn der chinesischen Zeichen zurück. Denn Bild und Schrift sind in China untrennbar miteinander verbunden. Das Wort kann die Brücke zum Verständnis nur schlagen, wenn es in schöpferischer Symboldeutung den Sinn der alten Zeichen erfaßt, wie sie sich über zwei Jahrtausende hin in der chinesischen Schrift allmählich entwickelt und gewandelt haben. So scheint es nur richtig und schön, wenn uralte Volksverse, die Lao-tse dem ewigen Boden seiner Heimat entnommen hat, in volkstümlicher Form und einfachen Reimen wiedergegeben werden.

Sympathisch muß es berühren, daß an den Stellen, wo die alte Schrift dunkel bleibt, nichts gewaltsam in die Worte des Meisters hineingezwängt ist. Es war immer ein Fehler in den Übersetzungen, daß die Theosophen einen Theosophen, die Pantheisten einen Pantheisten und die Materialisten gar einen platten Nützlichkeitsprediger aus Lao-tse machen wollten.

Wenn für den Leser in den Blättern dieses Buches nichts zu sinnen und zu grübeln bliebe, dann wäre es nicht die Weisheit des Ostens, wäre es nicht eine der schönsten, tiefsten und merkwürdigsten Schöpfungen der Weltliteratur, wäre es nicht die Suche nach dem Weg zu Tao.

Der Herausgeber (Werner A. Classen)


1

Tao

Wenn sein Name ausgesprochen werden könnte,
wäre es nicht der ewige Tao.
Der Name, welcher genannt werden kann,
ist kein ewiger Name.
Unnennbar ist des Himmels und der Erden Urgrund;
nennbar sind alle Geschöpfe.
Darum schauet der Wunschlose
stets den Geist,
der von Begierden Getriebene
nur die Gestalt.
Beide gehören zusammen
und sind bloß
verschiedene Namen.
Zusammen erst werden sie tief,
des Unergründlichen Grund,
aller Erkenntnis Pforte.


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2

Der Weise

Wenn all auf Erden
das Schöne als schön erkennen,
erkennen sie auch das Häßliche.
Wenn alle auf Erden
das Gute als gut erkennen,
erkennen sie auch das Böse.
Denn:
Sein und Nichtsein,
schwer und leicht,
lang und kurz,
hoch und niedrig,
Ton und Stimme,
vorher und nachher
ergänzen einander.
Daher weilt der Weise im Beharren.
Wandel, nicht Rede, ist seine Lehre.
Alle Wesen nahen sich ihm
und er entzieht sich keinem.
Er schafft ohne Besitztum;
wirkt ohne Ehrgeiz,
vollendet Verdienstliches
und pocht nicht darauf.
Weil er nichts begehrt,
trägt er den Lohn
in sich selbst.


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3

Regentschaft

Gib den Edlen nicht zu viel Vorrang,
und das Volk ist zufrieden.
Leg kein Gewicht auf das,
was nur wenige besitzen können,
und es gibt keine Diebe.
Denn nur das begehrenswert Scheinende
verwirret die Herzen.
Der weise Regent
lenkt des Volkes Herzen nach innen,
schwächt seinen Willen,
stärkt seine Kraft.
Immerdar sorgt er,
daß die Leute ohne Erkennen
und ohne Begehren sind;
daß aber jene, welche erkennen,
nicht wagen, zu handeln.
Wenig handeln
ist weise Regentschaft.


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4

Das All

Tao ist weit
und unausfüllbar.
Unergründlich ist der
Schöpfer aller Wesen.
Er glättet ihre Schärfe,
streut aus seine Fülle,
mäßigt eitles Glänzen
und wird eins
mit ihrem Staube.
Unsichtbar ist er
und doch gegenwärtig.
Ich weiß nicht,
wes Sohn er ist.
Er ist schon vor
dem Herrn.


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5

Menschenliebe

Die Natur kennt keine Menschenliebe,
ihr sind alle Wesen nur Spielzeug.
Der Weise kennt keine Menschenliebe,
ihm ist das Volk nur ein Nichts.
Alles zwischen Himmel und Erde
gleicht einem Blasebalg;
er ist leer
und doch unerschöpflich;
je mehr er sich bewegt,
desto mehr kommt heraus:
Viele Worte meist in Nichts zerrinnen;
besser man bewahrt sie innen.


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6

Das ewig Weibliche

Der Quell des Lebens versiegt nicht;
er ist das ewig Weibliche.
In des ewig Weiblichen Grunde
ruhen des Himmels
und der Erden
Wurzeln.
Er ist immerdar
und wirket
mühelos.


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7

Dauer im Wechsel

Der Himmel bleibt
und die Erde dauert.
Bleibend und dauernd
können sie sein,
weil sie sich selbst
nicht leben.
Deshalb können sie dauernd
Leben geben.
So setzt auch der Weise
sein Selbst zurück
und kommt voran,
entäußert sich seines Ich,
um es zu bewahren.
Weil er nichts Eigenes will,
wird sein Eigenstes vollendet.


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8

Güte

Der vollendet Gute
ist wie das Wasser.
Er nützt allen Wesen
ohne Streit,
und weilt an Orten,
welche die Menschen verachten.
So steht er Tao nahe.
Im Wohnen ist er der Erde gut,
im Herzen der Tiefe,
im Schenken den Menschen,
im Reden der Wahrheit,
im Staate dem Herrscher,
im Wirken dem Können
in der Bewegung der Zeit.
Er streitet nicht, und erntet so
keinen Groll.


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9

Selbstbeschränkung

Zugleich ergreifen und vollgießen
Läßt sich kein Gefäß.
Betasten und schärfen zugleich
läßt sich keine Klinge.
Gold und Edelstein in offener Halle
kann niemand verwahren.
Reich, geehrt,
und noch dazu hochmütig sein -
rufet das Unglück herbei.
Wenn das Werk vollbracht ist,
sich dann zurückziehen -
das ist Weisheit.


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10

Reinheit

Nur wes Denken aus der Seele quillt,
der kann ohne Zwiespalt währen.
Wer sich der Kraft des Gemütes hingibt,
wird glücklich wie die Jugend.
Nur wer reinen und offenen Blickes ist,
bleibt ohne Schwachheit.
Liebt er das Volk
und regiert er das Land,
so kann er ohne handeln -
wirken.
Ob sich des Himmels Pforten öffnen
oder schließen,
er wird gelassen
weilen.
Sein reiner Blick erkennt die Welt
ohne besondere Kenntnisse.
Er erzeugt und ernährt,
bleibt ohne Besitz,
wirkt ohne Gewinn,
und mehrt ohne zu fordern.
Das ist wahre Tugend.


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11

Der leere Raum

Dreißig Speichen
münden in die Nabe -
der Raum zwischen ihnen
macht sie erst zum Rade.
Zum Formen knetet man
den Ton -
der Leere Raum darin jedoch
macht erst die Vase.
Tür und Fenster
muß man brechen,
um ein Haus zu bilden.
Der Stoff macht den Besitz daran,
das Nichts jedoch
das Wesen.
So entsteht aus Nichtsein
Sein.


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12

Torheit und Weisheit

Farben bezaubern die Augen,
Töne betören die Ohren,
Gewürze reizen den Gaumen,
Jagd und Rennen bestricken das Herz.
Seltene Schätze locken die Wünsche.
Der Weise aber
sorgt für seine Seele
und nicht für sein Auge.
So wendet er sich
von außen
nach innen.


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13

Würden und Bürden

Gnade und Ungnade
sind immer nur Bürden.
Ehre beschwert
genau wie der Leib.
Die Gnade erniedrigt;
denn sie zu erlangen
bringt Furcht,
genau wie sie zu verlieren.
Was heißt
Ehre beschwert den Leib?
Der Leib ist der Sitz aller Plagen,
körperlos sind alle Plagen dahin.
Nur wer den Körper verachtet,
dem kann man die Welt vertrauen;
wer die Welt wie seinen Körper mißachtet,
dem sei sie getrost überlassen.


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14

Das Unfaßbare

Man schaut es an und sieht es nicht;
denn es ist farblos.
Man horcht nach ihm und hört es nicht;
denn es ist tonlos.
Man greift nach ihm und faßt es nicht;
denn es ist körperlos.
Diese Dreiheit kannst du nicht trennen,
denn es ist eines.
Sein Äußeres ist nicht klar,
sein Inneres nicht trübe.
Man kann es nicht nennen,
es verliert sich im Nichtsein.
Das ist des Gestaltlosen Gestalt,
des Bildlosen Bild,
das Unerfaßliche.
Wenn man ihm entgegenkommt,
verbirgt es sein Antlitz,
wenn man ihm folgt,
sieht man es nicht mehr.
Es erfassen,
hieße die Welt beherrschen
und ihren Anfang erkennen.
Es wäre der Weg
zu Tao.


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15

Vorbilder

Die besten der Vergangenheit
waren fein, geistvoll, tief
und können in ihrer Verborgenheit
kaum erkannt werden.
Deshalb will ich sie ansichtlich machen:
Behutsam waren sie wie der,
welcher im Winter einen Fluß überschreitet;
vorsichtig wie der,
welcher von bösen Nachbarn umgeben ist;
zurückhaltend wie ein Gast;
sanft wie schmelzendes Eis,
einfach wie Holz,
leer wie ein Tal
und durchsichtig wie bewegtes Wasser.
Wer kann dessen Trübe,
indem er es stillt,
allmählich klären?
Wer kann die Ruhe durch Dauer beleben?`
Wer den rechten Weg bewahrt,
begehret nicht der Fülle;
denn nur wenn er keine Fülle hat,
kann er gering sein,
und ohne Neues zu suchen
doch die Vollendung erreichen.


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16

Das Ewige

Unerschütterliche Ruhe
hat nur,
wer sich selbst vergißt.
Jeder Kreislauf bedingt
die Rückkehr.
Rückkehr zum Ursprung aber
heißt ruhen.
Eine Aufgabe erfüllt haben
heißt ewig sein.
Das Ewige erkennen
ist die Erleuchtung.
Ohne Erleuchtung
kein wirkliches Glück.
Nur wer das Ewige erkennt,
ist vielseitig.
Wer vielseitig ist,
ist auch gerecht.
Wer gerecht ist,
wird Herrscher,
Herrscher des Himmels,
des Himmels!
Das ist der rechte Weg:
Überwinde den Körper.


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17

Könige der Urzeit

Von den großen Herrschern
wußte das Volk:
Sie waren sein.
Die Nachfolger wurden
geliebt und gelobt;
weitere, die kamen,
waren gefürchtet
und ihre Erben
verachtet.
Wer nicht vertraut,
erhält auch kein Vertrauen.
Wie weitschauend waren
die kostbaren Worte
der ersten Herrscher.
Die größten Werke gelangen,
und alle hundert Geschlechter der Urzeit
bekannten: Wir sind frei.


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18

Verfall

Aber der rechte Weg
ward verlassen,
und so gab es Sittlichkeit
und Pflichten.
Kluge Gewandtheit kam auf
und die große Lüge.
Waren erst die Blutsverwandten
uneins,
so brauchte es
Kindespflicht und Elternliebe.
War die Herrschaft in Verwirrung und Zerrüttung,
so braucht[e] es
getreue Diener.


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19

Eitler Tand

Verzichtet auf Wissenskram,
und spitzfindige Klugheit,
und der Gewinn des Volkes
wird hundertfach sein.
Laßt fahren die Liebedienerei,
verzichtet auf die Gerichte,
und das Volk wird zu Kindespflicht
und Elternliebe
zurückkehren.
Laßt fahren auf die bloße Geschicklichkeit
und verzichtet auf eitlen Vorteil,
und es wird keine Diebe und Räuber mehr geben.
Den in diesen dreien
genügt kein Schein.
Darum soll man haben,
was man halten kann.
Man übe Lauterkeit;
pfleg' Einfalt dann,
man suche Wahrheit,
wenig wünsche man.


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20

Einsamkeit

Wer wenig weiß,
hat keinen Kummer.
Zwischen kleinen Dingen
ist kein großer Unterschied.
Gut und bös aber unterscheiden sich,
und was alle Menschen fürchten,
darf man nicht übersehen.
Die Verblendung ist allüberall:
die Menge strahlt vor Lust
wie bei dem Feiern ihrer Feste,
wenn sie im Frühling - auf den Türmen jubelt.
Ich allein liege still,
unberührt von allem,
wie das Kind, das noch nicht lachen kann.
Ich schwanke umher
wie der Heimatlose.
Diese Menschen alle leben im Überfluß.
Ich aber karge, besitze das Herz des Toren,
und komme mir vor wie verwirrt.
Die Menge glaubt alles zu wissen,
ich allein bin so traurig.
Der Menge scheint alles so klar,
mir scheint es so trübe.
In dem öden Meere treib ich ohne Ufer.
Die Menschen sind alle so geschickt,
ich aber bin unpraktisch, hilflos.
Allein ich bin wirklich anders als sie,
ich ehre die spendende Mutter der Welt.


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21

Das Unergründliche

Der Gehalt des Unfaßlichen liegt in Tao.
Tao ist Wesen,
aber unfaßlich und unbegreiflich.
Unfaßlich und unbegreiflich
ist sein Bild.
Unfaßlich und unbegreiflich
ist sein Wesen.
Unergründlich dunkel ist sein Geist
und doch so zuverlässig.
In ihm ist Treue,
unwandelbar ist er.
Seit alters
sah er den Anfang der Dinge.
Der Dinge Anfang aber
ahne ich nur
durch Ihn.


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22

Vollkommenheit

Was krumm ist, wird sich glätten.
Was leer ist, wird sich füllen.
Was alt ist, das wird neu.
Wer wenig hat, dem wird gegeben.
Wer viel hat, wird enttäuscht.
Weil er nicht auf sich selbst sieht,
leuchtet er den andern;
weil er sich nicht selbst gefällt,
gefällt er den andern;
weil er sich nicht selber rühmt,
erwirbt er reichen Ruhm;
weil er sich nicht selbst erhebt,
ragt er hervor;
weil er nicht streitet,
sucht keiner Hader mit ihm.
Wenn die Alten sagten:
Was krumm ist,
wird sich glätten,
so sind das
keine leeren Worte.


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23

Keine müßige Rede

Nur wenig reden
ist das Rechte.
Der Wirbelsturm
überdauert auch keinen Morgen,
und der Platzregen
währt keinen Tag.
Sie aber sind zwischen Himmel und Erde.
Selbst Himmel und Erde
sprechen nicht länger.
Wie viel weniger
kann es der Mensch. -
Der Weise verbindet sich
mit Tao.
Der Tugendsame verbindet sich
mit der Tugend.
Der Verderbte verbindet sich
mit der Verderbnis.
Über den Weisen
freut sich Tao.
Über den Tugendhaften
freut sich die Tugend.
Über den Verderbten aber
freut sich die Verderbnis,
um ihn zu verderben.
Nur der Gläubige aber
findet wieder Glauben.


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24

Was Toren tun

Wer auf den Zehen steht,
steht nicht fest.
Wer mit gespreizten Beinen geht,
kommt nicht fort.
Wer selber scheinen will,
der leuchtet nicht.
Wer sich selber rühmt,
hat kein Verdienst.
Wer sich selbst erhebt,
ragt nicht hervor.
Wer sich vor die Weisheit stellt,
der ist ein Tor,
den man von sich weist.
Wer Tao hat,
der handelt anders.


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25

Das höchste Wesen

Es gab ein Wesen
voll unbegreiflicher Größe,
noch ehe Himmel und Erde entstanden.
Still, übersinnlich, unveränderlich bleibt es
und unwandelbar.
Durch alles geht es - unberührt.
Es ist die Mutter der Welt.
Ich kenn das Unbekannte nicht
und nenne es Tao.
Ich nenne es groß, mit Inbrunst.
Ich nenne es entfernt
und immer wiederkehrend;
denn Tao ist groß
wie der Himmel,
die Erde aber ist groß
wie ein menschlicher König.
In der Welt gibt es vielerlei Große,
und der menschliche König
ist einer davon.
Des Menschen Richtmaß
ist die Erde.
Der Erde Richtmaß aber
ist der Himmel,
und des Himmels Richtmaß - Tao.
Tao aber hat nur sich selbst zum Vorbild.


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26

Ernst und Ruhe

Das Schwere ruht im Leichten.
Die Stille bändigt die Bewegung.
So wandelt der Weise
seinen Tag
in ruhigem Ernst.
Wohnt er in Palästen,
so bleibt er gelassen
und verläßt sie unbeschwert.
Wie viel mehr braucht dies alles
der, welcher herrscht.
Leichter Sinn
kostet ihm die Untertanen,
Unruhe - die Herrschaft.


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27

Überlegenheit

Der gute Wanderer
hat leichten Schritt.
Den guten Sprecher
nimmt die Rede mit.
Der gute Rechner
braucht keinen Rechenstab.
Die gute Tür
hält ohne Druck und Riegel.
Den guten Binder kennt man dran,
daß er ohne Knoten
sicher binden kann.
So ist auch der Weise
immer richtig am Platze.
Er ist der gute Helfer,
der niemand verläßt.
Das ist die doppelte Erkenntnis:
Der gute Mensch
ist des schlechten
Lehrer,
und macht ihn
zum Werkzeug des Guten.
Den Lehrer aber nicht ehren,
oder das Werkzeug verachten,
wäre Widersinn gegen die Natur.
Das ist eine wichtige Erkenntnis.


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28

Berufung und Amt

Wer seiner Mannheit bewußt
die weiblichen Tugenden pflegt,
in den strömt die Weisheit der Welt,
er kehret zur Kindheit zurück.
Wer das Licht erkennt
und doch im Dunkeln bleibt,
der ist der Welt ein Vorbild,
Ist er das,
so bleibt die gleichmäßige Tugend
sein Schicksal,
und Unbefangenheit
sein steter Lohn.
Wer seine Würde kennt
und in der Demut weilet,
der steht gut in der Welt.
Tut er dies,
dann ist seine Tugend reich
und seine Einfalt echt.
Wenn der gemeine Mann brauchbar wird,
geschieht das um den Preis der Einfalt.
Der Weise aber wird durch sie
zum Herrschen berufen.
Mit ihr regiert er großmütig
und verletzt niemand.
Im Buch sind die folgenden Zeilen umgekehrt angegeben:

geschieht das um den Preis der Einfalt.
Wenn der gemeine Mann brauchbar wird,

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29

Wahre Größe

Wer die Welt nehmen
und sie formen wollte,
würde scheitern.
Sie ist ein geistig Ding,
das man nicht formen kann.
Der Former zerstört es,
und der Nehmer verliert es.
In diesem Weltenwandel
geht man bald vor, bald folgt man nach,
bald sieht man froh, bald finster drein,
bald wird man stark, bald wird man schwach,
bald bricht man los, bald lenkt man ein.
So meidet der Weise
den Überschwang wie die Überhebung,
und verachtet äußere Größe.


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30

Gewaltlose Herrschaft

Tao rät dem Menschenherrscher,
mit Waffen nicht die Welt zu zwingen.
Er läßt stets den Rückzug offen.
Wo Heereshaufen weilen,
blühn Disteln nur und Dornen.
Den großen Kriegen folgt die große Not.
Der kluge Sieger weiß sich stets zu mäßigen
und greift nicht zur Eroberung mit Gewalt.
Er siegt ohne Stolz,
gewinnt ohne zu triumphieren
und herrscht ohne jede Überhebung.
Er siegt nur, wenn er muß,
siegt, und vergewaltigt nicht.
Wer stark geworden ist, kann leicht verlieren.
Ist Tao nicht mehr nah,
so ist auch bald das Ende da.


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31

Fluch der Waffen

Die besten Waffen bringen niemals Glück,
mit Abscheu seh der gute Mensch sie an.
Wer Tao kennt,
der braucht sie nicht.
Links ist die Heimat, das Herz;
rechts sind die Waffen, wohnt die Gewalt.
Waffen sind keine glückbringenden Geräte,
nicht Werkzeuge des Weisen.
Nur im Notfall brauch er sie,
Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste.
Er siegt nur ungern;
es gern tun, hieße sich freuen
am Tode der Menschen.
Wer Menschen tötet,
kann der Welt nicht dienen.
Was freut, ruht links, beim Herzen,
was schmerzt, ruht rechts, bei den Waffen.
Der Soldat steh links,
der Feldherr rechts -
und leide.
Nur mit Schmerz und Trauer sehen
kann man den,
der viele Menschen getötet hat.
Siegen durch Gewalt
heißt Leiden schaffen.


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32

Beschränkung

Tao, der Ewige, hat keinen Namen.
In stiller Einfachheit, kaum sichtbar,
umfaßt er das All.
Wenn Fürsten und Könige Tao dienen möchten,
würden ihnen alle Wesen huldigen,
würden sich Himmel und Erde vor ihnen neigen.
Das Volk würde ungeheißen
von selbst das Rechte tun.
Wer aber wirkt, der ist nicht namenlos;
drum soll er sich beschränken.
Nur wer sich mäßigt,
der meidet die Gefahr;
denn aus Bächen und Flüssen
werden Ströme und Meere.


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33

Wirkliche Dauer

Wer die andern kennt, ist klug;
wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, ist stark;
wer sich selbst überwindet - tapfer.
Wer sich beschränkt, wird reich.
Willen hat nur, wer in Selbsterkenntnis handelt.
Wer seinen Platz nicht verläßt, der bleibt bloß.
Wer aber stirbt und doch nicht untergeht,
der dauert.


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34

Vollendung

Tao ist allgegenwärtig.
Alle Geschöpfe verdanken ihm ihr Leben,
und er gewährt es ihnen.
Wenn sie ihr Werk vollenden,
nennt er es nicht das seine.
Er liebt und nährt alle Geschöpfe
und nennt sich nicht ihren Herrn.
Ewig ohne Verlangen scheinet er klein,
in ihm schließt sich der Kreislauf der Dinge
und macht ihn so groß.
So sei auch der Weise nicht groß im Wesen,
sondern durch seine Vollendung.


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35

Unvergänglicher Besitz

Wer Tao schaut,
der hat in sich die Welt
in Friede, Ruhe und Behagen.
Vor Musik und lockenden Speisen
steht nur der törichte Wanderer still,
Tao aber schmeichelt nicht den Sinnen.
Wer ihn besitzt,
der fürchtet kein Ende mehr.


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36

Behutsamkeit

Was klein wird, war zu groß;
was schwach wird, war zu stark;
was fällt, zu hoch;
was verschwindet, offenkundig.
So wird Verborgenes klar.
Weich und schwach
währt länger oft
als hart und stark.
Wie man den Fisch nicht aus dem Wasser nehmen soll,
so bleibe auch des Landes Macht verborgen.


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37

Wunschlosigkeit

Tao handelt nicht,
und ist doch voller Wirkung.
Wenn Könige und Fürsten dies begriffen,
würden sie leichter regieren,
würden sich zügeln
zu ehrgeizloser Einfachheit.
Sie stillt die Begehren.
Begierdelosigkeit läßt ruhn
und alle Welt das Rechte tun.


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38

Sein und Schein

Der rechte Weg ist nicht der ausgetretene Pfad,
der schlechte Weg ist Weg und führet weg.
Der rechte Weg führt nicht zu dem, was alle tun;
nur niedrige Tugend folget ihnen.
Hohe Menschenliebe handelt nicht der Taten willen,
gleich der Gerechtigkeit.
Die Sitte aber handelt,
und wer ihr nicht entspricht,
den holt sie mit dem Arm herbei.
Drum verliert man ohne Tao auch die Tugend,
bleibt man ohne Tugend ohne Menschliebe,
verliert man mit ihr auch Gerechtigkeit.
So bleibt am Schluß die Sitte über
als bloßer Schein des Sittlichen
und Zeichen des Verfalls.
Das Wissen jedoch
wird Mittel zum Verfall.
So hält sich der große Mensch stets an das Innen
und nicht an das Außen,
bleibt beim Sein
und nicht beim Schein,
hälte sich an jenes,
meidet diesen.


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39

Band der Einheit

Die Einheit erlangten:
Der Himmel, damit er glänze,
die Erde, damit sie stehe,
der Geist, damit er denke,
das Wasser, damit es eile.
Alle Wesen erhielten die Einheit zu leben,
die Herrscher der Erde erhielten sie,
um der Welt das Maß zu geben.
Denn würde der Himmel seine Einheit lassen,
wäre die Welt nicht mehr zu fassen.
Gäbe nichts der Erde Halt, würde sie zerspringen.
Gäbe es keine Geistesgewalt,
würde der Verstand zerfliegen,
füllte nichts der Bäche Rand,
würden sie versiegen.
Gäbe nichts den Wesen Sinn,
niemals würden sie bestehen.
Gäbe es edle Herrscher nicht,
wäre alles ohne Gewinn.
Deshalb braucht auch der Edle den Geringen,
wie der Niedrige den Hohen
zu seiner Ergänzung.
So nennen sich Fürsten und Könige Verwaiste,
Einsame und Unwürdige,
bezeichnen das Unbedeutende als ihre Wurzel.
Ist es nicht so?
Verfalle nicht dem gleißenden Schein des Diamanten,
schätze die rohe Rauheit des einfachen Steins.


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40

Kreislauf

Der Kreislauf ist Taos Bahn
und Nachgiebigkeit seine Erkenntnis.
Alle Wesen der Welt entstehen im Sein,
das Sein aber entsteht aus dem Nichtsein.


up

41

Sinnspruch

Wenn der wirklich Weise von Tao hört,
so wandelt er auf dessen Bahn.
Der halb nur Weise folgt bald Tao,
bald verliert er ihn.
Die Dummen aber, hören sie von Tao,
verlachen ihn,
und lachten sie nicht,
so wäre es wirklich nicht Tao.
So lautet denn ein Spruch:
Wer von Tao erleuchtet ist,
scheint dunkel.
Wer Taos Weg gegangen,
scheint zurückgeblieben.
Sein ebener Weg erscheinet rauh,
das reichste Leben scheinet leer,
die größte Reinheit scheint wie Schmach,
der geistige Besitz so arm,
die Tugendstärke wie ein Schwanken,
wer echt im Glauben, scheint zu wanken -
Das große Geviert scheint ohne Ecken,
ein riesiges Gefäß, unvollendet,
ein großer Ton, der schwach nur schallt.
Tao ist verborgen, namenlos,
nur im Sichverschenken,
im Vollenden groß.


up

42

Zusammenhang

Tao erzeugt das Eine,
das Eine erzeugte die Zweiheit,
die Zweiheit erzeugte die Dreiheit.
In der Dreiheit ruhen alle Geschöpfe.
Ihre Vielheit trägt das Ruhende
und umschließt alle Taten;
der unendliche Atem des Lebens
schlingt sie ein.
Was die Menschen fürchten,
ist Verlassenheit, Einsamkeit, Unwürdigkeit.
Die Fürsten aber wählen diese Titel;
denn man wird entweder durch Erniedrigung erhöht,
oder durch Bereicherung verarmt.
So sei auch das, was andere lehren, hier gelehrt:
Mit Selbstsucht erreicht man nie ein Ziel.
Daraus will ich auch die Lehre ziehn.


up

43

Stilles Wirken

Nachgiebigkeit besiegt die Härten der Welt,
das Wesenlose durchdringt den Stoff.
Darin erkenne ich den Vorteil
der Willenlosen Schau.
Belehrung ohne Worte,
Vollendung ohne Taten
erreichen nur wenige
in dieser Welt.


up

44

Rechtes Maß

Der Name oder das Ich,
was steht denn näher?
Das Ich oder der Besitz,
was ist denn mehr?
Gewinnen und verlieren,
was ist denn schlimmer?
Wer zu sehr liebt,
fast alles gibt;
wer viel verlangt,
der wird enttäuscht.
Wer sich begnügen kann,
der bleibt auf guten Wegen,
und wer zu bremsen weiß,
der kommt nicht in Gefahr.
So kann er dauern.


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45

Ausgleich

Das wirklich Vollkommene
muß unzulänglich erscheinen,
so erst wird es unendlich in seiner Wirkung.
Wenn die große Fülle leer erscheint,
dann ist sie unerschöpflich.
Große Aufrichtigkeit scheint verschlagen,
große Weisheit gleicht der Torheit,
große Rede scheint oft stumm.
Mit Bewegung überwindet man die Kälte
und mit Ruhe übersteht man Hitze.
Richtiges Maß aber ist
die Ausgeglichenheit.


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46

Vom Glück

Wenn Tao herrscht auf dieser Welt,
so zieh'n die Pferde friedlich hin zum Acker.
Wo aber Tao fehlt,
da zieh'n die Roße fort
zum Krieg.
Es gibt keine größere Schuld
als das Treibenlassen der Begierden,
kein größeres Übel gibt es
als den Mangel an Mäßigung.
Kein schlimmeres Unheil gibt es
als die Sucht nach dem Gewinn;
denn nur wer sich zu bescheiden weiß,
kann glücklich sein.


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47

Innere Schau

Ohne aus der Tür zu gehen,
kannst du die Welt erkennen.
Ohne Blick durchs Fenster
siehst Du Tao's Weg.
Wer allzu vieles schaut,
der sieht nur wenig.
Der Weise aber wandert nicht,
und kommt trotzdem ans Ziel.
Er sieht nicht,
und doch ist ihm alles klar.
Er handelt nicht,
und gelangt doch zur Vollendung.


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48

Einkehr

Wer Wissen sucht,
braucht täglich mehr.
Wer Tao sucht,
kommt zu sich selbst zurück
und stillt ungestümen Wollens Drang.
Nur wer frei bleibt von Geschäftigkeit,
wird die Welt besitzen.


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49

Wahre Berufung

Der Weise hat kein Herz für sich,
er macht aller Leute Herz zu seinem Herzen.
Zu den Guten ist er gut
und zu den Bösen
ist er es auch;
denn Leben in Tao
ist Güte.
Zu den Treuen sei treu
und zu den Nichttreuen
sei es auch;
denn Leben in Tao
ist Treue.
Der Weise lebt nur behutsam in der Welt,
aber er öffnet ihr weit sein Herz.
Die Menschen starren ihn an
offenen Auges und Ohres;
er aber behandelt sie
als seine Kinder.


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50

Leben

Leben heißt, sich zum Sterben bereiten.
Drei nur von zehn
streben zum Tode.
Drei auch von zehn
streben zum Leben,
doch gehen zum Tode -
aus Liebe zum Leben.
Der eine aber,
der sein Leben wirklich zu leben weiß,
wandert hindurch ohne zu fliehen
vor Nashorn und Tiger,
er braucht für den Krieg
nicht Panzer noch Waffen.
Das Nashorn findet nichts,
wo es ihn träfe;
der Tiger tappet ins Leere.
Denn dieser eine steht
über dem Leben.


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51

Taos Wesen

Tao erzeugt, erhält, gestaltet
und vollendet die Wesen der Erde.
So sollten sie alle zu ihm einkehren
und seine Macht verehren.
Taos Anbetung und die Verehrung seiner Macht
bedarf aber keines Gebotes.
Freiwillig sei sie und stetig,
wie Tao zeuget und erhält,
großzieht und ausbildet,
vollendet und reifet,
pfleget und schützet.
Erzeugen, nicht um zu besitzen,
handeln ohne Ehrgeiz,
bilden, ohne zu beherrschen,
das ist wahre Tugend.


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52

Unsterblichkeit

Die Welt hat einen letzten Urgrund,
er ist aller Wesen Mutter.
Wer ihn einmal erfahren hat,
kennt seinen eigenen Ursprung
und kehrt zu ihm zurück.
Dann ist der Tod nur Sache des Körpers,
wer ihn vergißt und sich trennt,
stirbt ohne Sorge.
Wer sich aber dem Körperlichen hingibt,
der stirbt ohne jede Rettung.
Der ferne Urglanz ist Erleuchtung,
in seiner weiten Ferne liegt die Stärke.
Wer zu jenen fernen Lichtern zieht,
für den ist der Tod ganz ohne Schrecken.
Das ist Unsterblichkeit.


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53

Gerader Weg

Wer einmal erkannt,
geht immer den Weg zu Tao.
Er muß wissen, daß dies
ein gerader und einfacher Weg ist -
die Menge aber liebt die krummen Wege
mit prächtigen Palästen bei wüsten Feldern
und leeren Speichern.
Bunte Kleider liebt sie und scharfe Schwerter,
sie liebt es, sich zu füllen mit Speise und Trank.
Im Überfluß schwimmen, heißt aber nur
sich dem Augenblicke ergeben -
und nicht mit Tao leben.


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54

Das wahre Reich

Was gut gebaut ist, wird nicht abgerissen,
was gut verwahrt ist, bleibt erhalten.
Die Enkel danken dann dem Ahnen.
Er führe Tao bei sich selber ein,
dann hat die Tugend recht Gedeih'n.
Er führe Tao ein in seinem Haus,
dann strömt die Tugend reichlich aus.
Er führe Tao ein an seinem Ort,
dann wächst die Tugend mächtig fort.
Er führe Tao ein in seinem Land,
dann hat die Tugend wahren Stand.
Er führe Tao in dem ganzen Reiche ein,
dann schließt die Tugend alles ein.
Denn an der Person prüft man die Personen,
an dem Hause prüft man die Häuser,
an dem Ort die Orte,
an dem Land die Länder
und an dem Reiche das Reich.
Woran erkennt man,
daß das Reich wirklich eins sei?
An Tao.


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55

Gleichnis

Wer wahre Tugend hat,
der gleicht dem Kinde:
das giftigste Gewürm
verschont es,
die reißenden Tiere
gehen an ihm vorüber,
des Raubvogels Stoß
trifft es nicht.
Seine Knochen sind schwach
und seine Sehnen weich,
und es greift doch fest zu.
Es weiß noch nichts von Begierden
und ist doch stark.
Den ganzen Tag schreit es
und wird dabei nicht heiser,
vor Fülle des Lebens.
Im Leben liegt Ewigkeit,
im Ewigen erst die Erleuchtung.
Wer im Äußeren lebt,
gibt sich aus;
wer im Inneren lebt,
verinnerlicht.
Das Innerliche aber dauert
mit Tao.
Was ohne Tao ist,
das nur vergeht.


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56

Geistesadel

Der Wissende schweigt,
denn der Redende weiß nicht.
Er hält seinen Mund,
verschließt seine Gedanken,
mildert ihre Schärfe,
streut ihre Fülle,
läßt milde sie glänzen,
wird eins mit dem Staube.
Das ist wirkliche Weltoffenheit.
Wer sie besitzt, ist unzugänglich für Anfreundung,
wie für Entfremdung;
unzugänglich für Gewinn
wie für Schaden;
unzugänglich für Ehre
wie für Schmach.
Es ist der wirklich Vornehme auf Erden.


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57

Redliche Regentschaft

Mit Redlichkeit regiert man bestens,
Arglist führt nur zu Gewalt,
ruhiges Beharren mehrt das Reich;
denn je mehr Verbote und Einschränkungen entstehen,
desto mehr verarmt das Volk.
Je mehr Waffen geschmiedet werden,
desto mehr Unruhe entsteht.
Je mehr sich Klugheit auftut,
desto mehr erheben sich Wunderlichkeiten.
Je mehr Gesetze und Befehle angeschlagen werden,
desto mehr Diebe und Räuber gibt es.
Drum bleibt der Weise möglichst ohne Handeln,
und das Volk blüht von selbst.
Er bleibt ruhig und das Volk redlich;
er bleibt ohne Geschäftigkeit,
und das Volk gedeiht;
er bleibt ohne Begierden,
und das Volk einfach.


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58

Der echte Herrscher

Wo vorsichtig und langsam regiert wird,
kommt das Volk am besten empor.
Wo spitzfindig und herrisch regiert wird,
verfällt es dagegen.
Unglück! Das Glück beruht so oft auf ihm.
Glück! Das Unglück lauert hinter ihm
Wer kennt im voraus den Ausgang?
Ist der Herrscher nicht redlich,
so werden die Ehrlichen zu Schelmen,
die Guten zu Schurken,
und des Volkes Verblendung währt lang und länger.
Deshalb ist der wirklich berufene Herrscher
gerecht und nie verletzend,
sanft und nicht beleidigend,
ehrlich und nicht willkürlich,
leuchtend, aber nicht blendend.


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59

Unüberwindlichkeit

Für die Lenkung der Menschen
wie für den Dienst des Himmels
gibt es nichts Weiseres
als die Beschränkung.
In der Beschränkung liegt Vorsorge,
in der Vorsorge
Wohltat.
Die Güte allein ist unüberwindlich,
sie ist jeder Lage gewachsen.
So entsteht Macht,
entsteht wirklicher Besitz eines Landes.
Wer es aber wirklich hat,
der ist verwurzelt mit ihm
in tiefstem Grunde,
der wandelt den Pfad
zu unsterblicher Macht.


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60

Weisheit der Ahnen

Ein großes Land, das muß man sachte lenken,
wie man kleine Fische brät;
will man wie ein Weiser denken,
man in Tao's Kreisen geht.
Es sind die Geister stets der Ahnen,
die das Land, wie auch den Fürsten mahnen;
niemals werden sie den Menschen schaden,
wenn deren Herrscher Tao haben.


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61

Große und kleine Länder

Das große Land soll sich in die Welt einfügen
wie die Frau,
die in ruhiger Nachgiebigkeit
den Mann gewinnt.
Mit Nachgiebigkeit gewinnt
das große Land das kleine,
mit Nachgiebigkeit gewinnt aber auch
das kleine Land das große.
Die einen sind nachgiebig,
um zu gewinnen,
die andern sind nachgiebig,
um gewonnen zu werden.
Das große Land wolle nicht mehr,
als die Menschen verbinden
und sie fördern;
das kleine Land wolle nicht mehr,
als sich anzuschließen
und allen zu dienen.
So erreichen sie beide, was sie wollen.
So soll das große Land vor allem
Nachgiebigkeit üben.


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62

Höchster Schatz

So steht Tao im Herzen der Menschen:
Als höchster Schatz der Guten
ist er auch Rettung der Bösen.
Treffende Worte
können gewinnen,
richtiger Wandel
tut es noch mehr.
Die Schlechten aber
soll man nicht aufgeben;
darum sind Herrscher eingesetzt
und haben Fürsten ihre Ämter.
Selbst wenn man Gesesetzestafeln
aus Juwelen hätte
und mit den Sonnenpferden fliegen könnte,
so ist es doch besser,
nur ganz langsam weiterzukommen, mit Tao.
Warum verehrten ihn schon
die Ahnen?
Doch nur, weil er
durch tägliches Suchen
stets neu gefunden wird,
und denen vergibt,
die gesündigt haben.
Drum ist er
der köstlichste Schatz
auf Erden.


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63

Das Unbedeutende

Dein Handeln sei Wirken,
deine Tat kein Geschäft,
deine Lust nicht Genuß;
sieh das Große im Kleinen,
Vieles im Wenigen;
vergilt Feindschaft mit Wohltat,
unternimm das Schwere mit leichtem Sinn,
tu Großes im Kleinen.
Die schwersten Dinge der Welt
beginnen am leichtesten,
das Große beginnt im Kleinen.
Weil der Weise niemals Großes tut,
kann er das Große vollenden.
Wer leicht verspricht, hält sicher nicht,
allzu leicht, wird allzu schwer.
Da dem Weisen alles schwer erscheint,
wird lebenslang ihm nichts zu schwer.


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64

Ende vor dem Anfang

Das Ruhende ist leicht zu halten,
dem Unsichtbaren leicht zu begegnen,
das Zarte leicht gebrochen,
das Feine leicht zerteilt.
Drum tu, was noch nicht fällig ist
und schlichte, noch eh der Streit beginnt.
Der größte Baum
entsprießt dem kleinsten Sproß,
der Riesenturm steigt auf
aus schmalem Erdengrund,
die längste Reise
beginnt ein einziger Schritt.
Wer handelt, kann scheitern,
wer nimmt, kann verlieren.
Weil der Weise nichts tut,
mißlingt ihm auch nichts,
weil er nichts erwirbt,
kann er nichts verlieren.
Die meisten sehen sich immer nah der Vollendung
und kommen zu nichts.
Denke an das Ende, statt an den Anfang,
das ist der Weg des Gelingens.
Der Weise ist wunschlos
und begehrt nicht nach Schätzen der Erde;
er lernt nichts zu erstreben und verzichtet darauf,
wonach sich die andern sehnen.
So schenkt er ohne eigenes Zutun
den andern die Freiheit.


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65

Wesen der Herrschaft

Die von alters Taos Lehre kannten,
ließen das Volk im Dunkeln,
es sollte einfach bleiben;
das Volk ist schwer zu lenken,
wenn es allzu klug ist.
Durch Wissen ein Land beherrschen,
heißt es verderben,
durch Einsicht ein Land regieren,
bringt ihm den Segen.
Wer dies beides erkennt,
ist der geborene Herrscher.
Sich seiner Herrschaft bewußt sein,
das ist seine Tugend.
Diese Tugend ist abgründig, unerreichbar,
unbegreiflich den Menschen.
Am Ende aber unterliegen sie ihr.


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66

Der Friedensfürst

Ströme und Meere,
ordnen sich unter dem ewigen Fluß
und sind so die Fürsten der Wasser.
So stellt sich auch der große Mensch
mitten in den Strom der Zeit,
vergißt sein Ich
um seines Volkes willen.
So steht er an der Spitze des Landes,
ohne es zu bedrücken,
schirmt es vor Schaden,
so daß es ihm gerne gehorcht
und seiner nicht müde wird.
Weil er nicht hadert,
kommt keiner zu Streit mit ihm.
So bewahrt er den Frieden.


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67

Drei Tugenden

Alle sagen,
Tao sei groß,
aber nicht für das Leben.
Das ist seine wirkliche Größe,
daß er nicht dem gemeinen Leben gehört.
Drei Tugenden sind es,
die ich schätze und hege:
Die eine ist die Liebe,
die andere die Genügsamkeit,
die dritte Demut heißet.
Die Liebe gebieret den Mut,
Genügsamkeit macht freigiebig
und die Demut befähigt zur Herrschaft.
Heute aber hat man nur Mut ohne Liebe,
spendet ohne Selbstbeschränkung,
steht an der Spitze ohne Demut.
Das ist das Ende;
denn Liebe siegt nur im Kampfe,
wird stark in Bedrängnis.
Wen der Himmel retten will,
dem gibt er die Liebe.


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68

Menschlichkeit

Der wahre Feldherr sehnt sich nicht nach Krieg,
der wahre Kämpfer handelt nicht im Zorn.
Wer den Feind besiegt,
der zankt nicht mit ihm;
wer die Menschen lenkt,
der zeigt sich nicht.
Das heißt friedvoll leben,
heißt die Menschen leiten,
das heißt eins sein mit dem Himmel -
der Alten
höchstes Ziel.


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69

Wahrer Sieger

Ein Feldherr hat gesagt:
Besser ist es Gast zu spielen,
als den Wirt;
besser einen Fuß zurück,
als einen Zoll breit vor.
Das heißt vorrücken ohne Sturm,
verteidigen ohne Abwehr,
Verfolgung ohne Angriff,
Gefangennahme ohne Waffen.
Der leichtfertige Angriff
ist das größte Unheil,
er bedeutet
alles aufs Spiel setzen.
Wo sich Heere begegnen,
da siegt nur
die Barmherzigkeit.


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70

Verborgene Wahrheiten

Leicht sind meine Worte zu verstehen,
leicht auch zu befolgen;
keiner in der Welt vermag sie zu ergründen,
keiner auch nach ihnen sich zu richten.
Diese Worte ruhn im tiefsten Grund,
haben einen hehren Sinn.
Wird dieser nicht verstanden,
so bleib auch ich im Dunkeln.
Wie die, die mich verstehen,
nur wenige sind,
so werde ich geschätzt.
So trägt der Weise seinen Besitz
gleich Juwelen
in seinem härenen Kleid.


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71

Der Weise leidet nicht

Wisse, daß du nichts erkennen kannst.
Das Nichterkennen
wäre Weh?
Wen nur die Krankheit kränkt,
der ist nicht krank.
Der Weise leidet nicht,
wenn ihn nur diese Krankheit kränkt;
deshalb ist er auch frei
von allem Leid.


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72

Einsicht

Wenn ihr euch vor dem Fürchterlichen
nicht fürchtet,
wird das Ungeheuerliche eintreten.
Keinem sei seine Wohnung zu eng,
keinem sein Leben zu bescheiden;
wer sich nicht eingeschränkt fühlt,
ist auch nicht beengt.
So erkennt sich der Weise selbst,
ohne sich lange zu betrachten;
so schätzt er sich selbst,
ohne sich zu überheben.
Das eine ergibt sich aus dem andern.


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73

Unerforschlicher Himmel

Der Mutige wagt zu töten,
der Feige wagt es nicht;
beides kann nützen,
beides kann schaden.
Wer kennt den Ratschluß des Himmels?
Drum bleibt der Weise bedächtig;
denn der Himmel streitet nicht
und weiß zu überwinden;
er redet nicht
und kann stets Antwort finden.
Ohne Ruf kommst du zu ihm,
langmütig weiß er dich heranzuziehn;
des Himmels Netz umspannet Riesenweiten,
doch nie kannst du, o Mensch,
ihm je entgleiten.


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74

Milde

Wenn das Volk die Todesfurcht nicht kennt,
wie soll man es dann lenken?
Die Todesfurcht allein gestattet es,
den Bösen vor der Tat zu schrecken -
der Henker steht im Hintergrunde.
Doch sein Wirken
heißt vernichten,
statt verbessern.
Wer aber vernichtet,
statt belehrt,
dem selten bleibt die Hand
ganz unversehrt.


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75

Weg des Lebens

Wollen die Oberen prassen,
müssen sie das Volk
darben lassen.
Wenn die Großen lärmen,
kann das Volk
nicht stille sein.
Wer Knecht nur ist in seinem Leben,
achtet den Tod gering;
nur wer über seinem Leben steht,
weise durch das Dasein geht.


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76

Aufstieg

Weich und zart tritt der Mensch ins Leben ein,
hart und stark muß er es verlassen;
wie auch Kräuter, Blumen, Bäume,
weich und zart beginnen,
um trocken dann ein dürres End zu finden.
Drum ist das Harte und das Starke
stets dem Tode nah,
das Weiche und das Schwache
in des warmen Lebens Nähe.
So ist auch dem starken Heere
keineswegs der Sieg so sicher
wie dem starken Baume,
der vor dem Ende steht.
Das Starke und das Große fällt,
das Weiche und das Schwache
steigt empor.


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77

Wirken in Verborgenheit

Des Himmels Weg,
gleicht dem Bogen;
oben trägt er
seine Last
und unten ist
die Stütze.
Das Hohe wird gedrückt,
das Niedrige erhoben.
So gleicht der Himmel alles sattsam aus.
Der Mensch jedoch
handelt gegenteilig.
Zum Drucke
fügt er Druck hinzu,
um das Leichte
weiter zu entlasten.
Wer aber mag der Welt
im Überfluß zu geben?
Nur der, der Tao hat.
Daher handelt der Weise
ohne Aufsehen,
vollendet sein Werk,
ohne bei ihm zu verweilen
und zeiget seine Weisheit nicht.


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78

Wahrheit

Nichts in der Welt
ist so weich wie das Wasser,
und doch zermürbt es
das härteste und stärkste Gestein.
So überwindet
das Sanfte das Starke,
das Weiche das Harte.
Jeder weiß das,
und keiner
zieht Nutzen daraus.
Wer des Landes Schwierigkeiten auf sich nimmt,
der bringt die größten Opfer;
tragen aber des Landes Not und Pein,
das heißt fürwahr des Reiches König sein.
Wahre Worte kann man nicht
ins Gegenteil verkehren.


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79

Worthalten

Wenn bei der Versöhnung
großen Grolls
ein Stachel
übrig bleibt,
so kann das nicht
das Rechte sein.
Deshalb nimmt der Weise stets
die schwerere der Lasten
auf sich selbst
und ladet sie nicht
den andern auf.
Wer Tao hat,
der hält sich
an sein Wort.
Wer Tao nicht hat,
fordert nur.
Taos Weg
kennt kein Ansehen
der Person,
er öffnet sich nur
dem Tüchtigen.


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80

Glückliches Land

Ein kleines Land, ein kleines Volk,
laß es manche Dinge haben,
die es nicht gebrauchet.
Mache, daß es gerne lebe,
ohne in die Weite sich zu sehnen.
Laß es Schiff und Wagen haben,
die es nicht zu nützen wünscht;
gib ihm Rüstung und auch Waffen,
die es doch nicht führen will;
gib dem Volk auch alte Knotenschnüre,
statt der neuen Schrift.
So wird ihm das Essen munden,
freudig wird es seine Kleidung tragen,
gerne weilen in dem Hain
und ehren alte Sitte.
Die Nachbarländer sind nicht weit,
ihrer Tiere Stimme kannst du hören;
trotzdem werden dieses Volkes Leute
alt und glücklich werden
ohne Sehnsucht nach der Ferne zu verspüren.


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81

Der letzte Spruch

Wahrheit
ist oft bös zu hören,
schöne Worte
können trügen;
denn das Gute
braucht nicht Wortezauber.
Wer Worte drechselt,
ist nicht gut.
Weisheit
braucht nicht viel zu wissen:
Wer vieles weiß,
der braucht nicht weise sein.
Der wirklich Weise
speichert nicht,
je mehr er andern schenket,
desto mehr besitzt er selbst.
Je mehr er fortgegeben,
desto reicher ist er am Ende.
Der Himmel will wohltun
und nicht strafen,
der Weise will wirken
und nicht eitel glänzen.


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