Das
Tao Te King
von
Lao Tse
German interpretation by
Zaiß, 1935

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Vorwort/Foreword
ZAISS

Vom Seinsollenden

Deutsch
nach Worten
LAOTSE'S

Durch den Verfasser
Heiligenkreuzsteinach bei Heidelberg
1935

Laotse, der chinesische Weise, lebte ein halbes Jahrtausend vor
Beginn unserer Zeitrechnung. Der volksschädigenden Willkür der
damaligen Herrschaft hielt er die Lehre entgegen, daß für den
echten Gebieter nichts als das "Tao" maßgebend sei.

Der Verfasser der gegenwärtigen Übertragung ist u.a. zu Dank
verpflichtet den Übersetzungen:
von Weiß (in Reclams Universalbibliothek)
von Wilhelm (Eugen Diederichs Verlag)
von Ular (im Insel-Verlag)

Alle Rechte vorbehalten

Der weiteren Öffentlichkeit gegenüber
gilt dieser Privatdruck als Manuskript.


1

Im Seinsollenden leben, ist nicht gewöhnliches Leben.
Seinen Namen nennen, ist kein gewöhnliches Nennen.
Unnambar ist die Urheimat der Welt.
Nambar ist der zehntausend Geschöpfe Werden.

Wer nur Gegenwärtiges versteht, erkennt nicht.
Erst der Urheimat zugewandt, alsdann entgegengesetzt blickend,
erschaust du.

Unbestimmtes – Bestimmtgerichtetes:
sie scheinen verschieden,
sind zuletzt aber ein und dasselbe.
Ihre Einheit, dem Verstand nicht erkennbar, ist
das Geheimnis der Geheimnisse,
der Zugang zum Unergründlichen.


up

2

Schön hat Häßlich zur Voraussetzung, auch zur Folge.
Gut hat Schlecht zur Voraussetzung, auch zur Folge.
Ist ein Sein gesetzt, so ist auch sein Nichtsein gesetzt.

Schwer und Leicht bedingen einander.
Hoch und Niedrig ordnen sich auf einander.
Vor und nach folgen einander.
Ist eins lang, so ist ein andres dazu kurz.
Ist ein Ton angeschlagen, so klingt ein anderer dazu im Klang.

Darum weder im Handln setzt der Hohe
von sich aus Werte, noch in der Lehre.
Die Aufgabe tritt an ihn heran, und er weigert sich ihr nicht.
Er erschafft, und behält das Erschaffene nicht.
Er tut, tut aber nicht für sich.

Wert vollbracht, schreitet er weiter.
Weil er nicht verweilt, darum
wird das Werk von ihm nicht weichen.


up

3

Überbevorzugung der Begabten erweckt Neid und Streit.
Überschätzung des Seltenen macht Geringere zu Dieben.
Überbeachtung des Lockenden verwirrt auch der Anderen Herz.

Der Hohe als Staatsdiener also hält die Köpfe nüchtern,
die Eingeweide erfüllt.
Das Begehren schwächt er, die Knochen stärkt er.
Wissens- und wunschlos führt er das Volk.

Indem er selbst nicht eigenwillig handelt,
versäumt er nichts in der Lenkung der Gemeinschaft.


up

4

Des Seinsollenden Wesen ist nicht wesenhaft;
doch west Es unerschöpflich.
Unergründlich ist Es; doch erscheint Es
als der zehntausend Geschöpfe Ahn.

In Ihm wird das Scharfe mild,
das Wirre glatt,
das Grelle sanft,
der Staub Stoff.

Unscheinbar ist es; doch ist nichts wirklicher. -
Wo könnte dieses Höchsten Ursprung sein,
das älter ist als der Himmel?


up

5

Nicht Liebe nach Menschenart übt das All.
Ihm sind die zehntausend Geschöpfe flüchtige Erscheinung.
Nicht Liebe nach Menschenart übt der hohe Mensch.
Ihm sind die hundert Familien flüchtige Erscheinung.
Einem blasenden Balg gleich, saugt
unablässig das All, schafft unermüdlich,
wird nicht mehr, wird nicht weniger.

Aber den Menschen macht Worte-reden leer.
Besser für ihn: den Inhalt bewahren.


up

6

Seele, das nährende göttliche Wesen,
stirbt nicht.
Es ist die unerschöpfliche Mutter.

Der unerschöpflichen Mutter Ausgangspforte
ist die Wurzel des All.

Es bleibt und gebiert,
wirkend mühelos.


up

7

Lang dauern Himmel und Erde;
Einzelwille ist in ihnen nicht:
daher die lange Dauer.

Ähnlich schiebt der Hohe Mensch
eigenmächtigen Einzelwillen zurück:
und kommt so voran.

Er entwird seinem Ich:
so kann sein Sein werden.
In des Seinsollenden Willen
wird das Seine vollendet.


up

8

Des Hohen Wert ähnelt dem des Wassers:
zehntausend Geschöpfen dient es ohne Widerstreben;
an dunklen Orten fließt es, die niemand achtet.

Darum wohnt der Hohe irdisch.
Darum denkt der Hohe himmlisch.
Darum gibt der Hohe mit Liebe.
Darum spricht der Hohe wahrhaftig.
Darum herrscht der Hohe beherrschend.
Darum waltet der Hohe waltend.

Hingegeben, nicht eigenmächtig wollend,
wird er fruchtbar.


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9

Überflüllt Maß
läßt abfließen.
Überscharfe Schneide
ist nicht lange scharf.
Gold- und edelsteinreich
ist nicht mehr sicher.
Hochmut zur Würde
bringt zu Fall.

Nach Leistung
den Ruhm lassen:
So ist des Himmels Weg.


up

10

Seelenstreben verknüpfend den niederen Trieben;
dadurch Einheitlichkeit gewinnend:
So widergeht man sein Sterben.

Hingegeben, sich selbst bändigend;
dem Kinde sich ähnlichend,
durch Innenschau sich läuternd;
So widergeht man seine Mängel.

Wer das Volk liebend im Wechselseitigkeitsdrang umfängt:
Der mag es zwanglos leiten.

Des Himmels Einflüssen, dem Weibe gleich, offenstehen!
Dein Handeln, von Zweifel und Zagen frei,
gleiche dem einer Tiermutter!

Wer erschauend begreift, braucht kein Wissen.

Entstehen lassen, hegen,
aber nicht besitzen wollen!
Erwirken, aber nicht gewinnen wollen!
Erheben, und nicht überwältigen wollen!

Unterweisung für Den
der im Seinsollenden wandeln will.


up

11

Dreißig Speichen treffen sich in der Nabe:
daß dazwischen nichts ist, schafft das Rad.
Aus Ton werden Gefäße:
daß sie innen leer, macht sie zu Gefäßen.
Türen und Fenster in Mauern aussparend,
erstellt man Wohnung:
auf Hohlraum und Aussparung
beruht der Wohnung Bewohnbarkeit.

Darum:
Die Waffe ist nicht zu entbehren; aber
der Waffe Durchbrechung erst
führt zu des Zweckes Erfüllung.


up

12

Alle Farben auf einmal machen des Menschen Auge blind.
Alle Töne auf einmal machen des Menschen Ohr taub.
Alle Geschmäcke auf einmal machen des Menschen Mund stumpf.

Nottut: Bestimmten sich hingeben!
Zerstreuungen erquicken das Herz nicht, sondern
machen es wirr.
Lockung des Sonstigen stört
des Eigenen Wert.

Der hohe Mensch hält sich ans Wesentliche,
verliert sich nicht ans Unwesentliche.
Dieses läßt er fahren,
mit jenem verknüpft er sich.


up

13

Gnade erniedrigt, wie Furcht.
Würde beschwert, wie Leibeslast.
Für sich etwas gewinnen, für sich etwas verlieren:
soll man darum sichen mühen - soll man
solchem sich entziehen?

Abhängig sein, Leidenschaft unterworfen sein:
menschlich ist es, doch ist es nicht der Mensch.
Verzichtet haben, Heiliger sein:
menschlich ist es, doch ist es nicht der Mensch.
So wenig Mannheit allein der Mensch; oder
Weiblichkeit schon der Mensch.

Hingegeben sein - Abstand halten:
beides in einem;
Gnade nicht erbittend, Würde nicht verschmähend:
Wer in und zugleich über der Gemeinschaft steht,
dem mag zu herrschen gegeben sein.


up

14

Schaut man danach, so sieht man es nicht:
unsichtbar ist es zu nennen.
Horcht man danach, so hört man es nicht:
lautlos ist es zu nennen.
Faßt man danach, so faßt man es nicht:
endlos ist es zu nennen.
Drei Eigenschaften, aber nicht zu scheiden;
verknüpft untereinander, und nicht zu trennen.

Es ist oben nicht hell, unten nicht trüb.
Immerzu umlaufend; bestimmend, doch unnambar,
reicht es zurück ins Unbestimmte.

So mag es gestaltlose Gestaltung heißen,
bildloses Gebilde.

Und so beschaffen ist Es, das wir Geheimnis nennen:
Ihm entgegen, erblickt man nicht seinen Anfang,
ihm folgend, nicht seinen Schluß.

Ausgehend vom Seinsollenden der Alten,
mag einer das Gegenwärtige gestalten,
und das Künftige ahnen.
Ein Leitfaden geht durch
vom Ursprung bis zur Erfüllung.


up

15

Die in alter Zeit Meister im Denken waren,
waren unbewußt eins mit den unsichtbaren Kräften.
Tief waren sie, dunkel waren sie.
Uns bewußteren Neueren nicht leicht verständlich.

Vorsichtig reden sie, wie wer
im Winter über den Strom setzt.
Behutsam sprechen sie, wie wer
von allen Seiten Feinde befürchtet.
Zurückhaltend wie vor Fremden äußern sie sich.
Rauh, wie roh Holz, klingt ihr Wort,
hallend wie Talgrund;
unsichtig der Sinn wie sumpfig Wasser.

Wer nun darf das Trübe sich absetzen lassen,
um es zu klären?
Wer vermag, aufrührend das Stille zu beleben?

Das vermag: Wer, wie sie
an das Seinsollende sich hält;
wer ihre Hemmungen teilt; wer, gleich ihnen,
nicht von sich selbst erfüllt ist.


up

16

Ist, Absehen von sich selbst, durchaus gelernt;
Ist, Stille bewahren, völlig erlangt;
so wird es innen lebendig:
Wir erschauen, wie alles Werdende in sich selbst zurückkehrt;
wie jeglich Wesen zu Blüte und Frucht emporwächst
und umwendet,
heim zu seinem Ursprung.

Kreislauf zum Ursprung, heißt: zur Ruhe kommen,
heißt: seine Bestimmung erfüllen.
Im Wechsel Dauer erkennen: dies ist
des Weisen Aufgabe;
rücksichtslos, unheilvoll handelt,
wer Dauer nicht erkennt.

Erkenntnis der Dauer
weitet das Herz.
Weitherzig sein hat zur Folge:
unparteiisch sein.
Unparteiisch sein zieht nach sich:
königlich sein.
Königlich sein, heißt:
dem Himmel ähneln.
Dem Himmel ähneln bedeutet:
im Seinsollenden wandeln.
Das Seinsollende bringt Dauer.
Hat man von sich selbst abgesehen, so ist der Tod ohne Schrecknis.


up

17

Von großen Herrschern
merkte das Volk kaum, daß sie da.
Mindergroße Herrscher
lobte und liebte das Volk.
Geringere Herrscher wurden gefüchtet,
geringe verachtet.

Wer Vertrauen aussät, erntet Vertrauen.
Gewissenhaft erwägt echter Herrscher seine Worte.

Gearbeitet wird unter ihm, Werke werden vollbracht;
und das Volk meint: wir sind von selber so.


up

18

Vom Seinsollenden kam man ab:
so mußte Tugend und Sittlichkeit erkannt werden.
Klugheit, Bewußtheit erlangten Wert:
Verlogenheit war die Folge.
Die Familie zerriß:
darum sprach man von Elternliebe und Kindespflicht.
Im Staat die Gemeinschaft zerspliß:
Bürgersinn und Treue mußten beginnen.


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19

Mit Heiligkeit nicht prunke; mit Wissen nicht blende;
willst deinem Volk du wirklich nützen.
Nächstenliebe nicht erzwing!
Pflichterfüllung nicht erfoltere!
Und wieder wird wachsen Wechselseitigkeitsdrang
der Gemeinschaft.

Dem Pfuhl zweckbewußten Geschäftssinns entsteig!
Und nicht mehr werden Kindliche zu Verbrechern werden.
Es langt nicht, den Schein zu wahren;
Rückhalt schaffst du durch das was du bist.

Ursprünglich sei und lauter!
Und auch der Andern Selbstsucht und Begierde
wird sich mildern.


up

20

Andere sind große; ich bin es nicht.
Spitzfindig, geistreich sie; ich kann dies nicht.
Mir ist etwas gut, oder es ist böse.
Was aber Aller Anerkennung hat, dagegen ist schwer angehn.
Darum ist meiner Einsamkeit Mittagshöhe noch nicht erreicht.

Lustig, geschmückt schreiten sie;
festlich, als gelte es, in Frühlingspracht sich tummeln.
Ich stehe beiseit, zaudernd, ob ich berufen bin;
wie ein Kindlein, das noch nicht lachen kann,
als ein Wanderer der keine Heimat hat.

Im Überfluß leben sie; ich allein darbe.
Alle sind helle und wißbegierig; ich aber bin
blöde, einfältig, ein Tor,
einsam, wie auf dem Weltmeer treibend.
Alle können sie wirken; ich allein muß unwirksam bleiben.

Anders bin ich als Alle.
Und mein einziger Wert ist:
daß ich mein Soll aus dem Seinsollenden beziehe.


up

21

Dem Seinsollenden gehorchen:
sei deines Lebens Wesen!

Woher das Seinsollende west, wohin es will,
ist unnambar.
Aus dem Unbestimmten kommend, ist es
bestimmtgerichtet-bestimmtrichtend:
aus dem Unbestimmten bestimmtrichtend in Art,
aus dem Unbestimmten bestimmtrichtend in Geschehnis,
aus dem Unbestimmten bestimmtrichtend in Blüte und Same.
Als solcher von uranfänglicher und unvergänglicher Wahrheit,
die Bestimmung erfüllend.

Woher ich alles dies weiß?
Durch Es selbst.


up

22

Halb wird gar.
Krumm wird gerade.
Loch füllt sich.
Entschwundenes erneut sich.
Darbende gewinnen.
Schlemmer zerrinnen.
Ein einzelner wird ein Hoher:
Dem Seinsollenden ergeben, wird er
der Gemeinschaft Fürbild.

Er stellt sich nicht aus: daher ragt er vor.
Er macht sich nicht wichtig: daher sein Gewicht.
Er sorgt nicht um sich: so überwächst er die Menge.
Der er Für, nicht Wider kämpft,
ist niemand sein Gegner.

So ist es wahr:
Halb wird gar...
Wollen der Ursprünglichkeit
führt zu Vollkommenheit.


up

23

Nicht zu hart behaupten, ist das Gemäße.
Ein Wirbelwind wütet nicht einen Morgen lang.
Ein Sturzregen prasselt nicht einen ganzen Tag.
Wer oder was bringt sie hervor? Das All.
Das All also ist nachgiebig - wie viel mehr der Mensch!

Wer sein Tun aus dem Seinsollenden beginnt,
muß in ihm aufgehen.
Wer in ihm aufgeht, wird eins
mit allem was darin aufgeht.
In vielerlei Gestalt, auf mancherlei Wegen
tritt es an dich heran.
Entweich du ihm nicht!

Nachdem du dem Seinsollenden dich ergeben,
gibt Es sich hin an dich.
Es eignet dich an, nutzt dich, zehrt dich auf.
Was könntest du mehr begehren?

Wer dagegen nur oberflächlich glaubt,
dem
kann Erfüllung nicht werden.


up

24

Auf den Zehen stehn,
ist kein Stehn.
Gespreizt gehn,
ist kein Gehn.

Wer scheinen will,
wird nicht erleuchtet.
Der Eitle
ist kein Schöpfer,
der Schwätzer kein Wirker.
Was einer als sein Verdienst
ins Licht heben mag, ist nicht erhaben.
Am Seinsollenden gemessen ist solches
Küchenabfall.

Verabscheut werden solche
von den Lebendigen.
Wer um das Seinsollende weiß,
ist anders.


up

25

Unzerschieden ist das Seinsollende
ehe Himmel und Erde bestehn.
Unnambar, unbestimmt ist es und kennt keine Änderung.
Geschlossen in sich, ist es überall, ohne Gefährdung.
Die Menschen mögen es als Urgrund verstehen.
Da ich einen zutreffenderen Namen nicht weiß,
nenne ich es
das Seinsollende.

Soll ich seine Eigenschaft benennen, so sag ich:
es ist groß.
Soll ich des Großen Eigenschaft benennen, so sag ich:
es fließt.
Soll ich des Fließenden Eigenschaft benennen, so sag ich:
es greift in Ferne.
Soll ich des Ferngreifenden Eigenschaft benennen, so sag ich:
es kehrt in sich zurück.

Das Seinsollende ist groß; das Weltall ist groß;
die Erde ist groß; Menschenherrscher ist groß.
Vier Größen also gibt es; ihrer eine ist der echte König.

Er hat zur Voraussetzung die Erde.
Die Erde hat zur Voraussetzung das Weltall.
Das Weltall hat zur Voraussetzung das Seinsollende.
Des Seinsollenden Voraussetzung ist Es selbst.


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26

Das Leichte ist des Schweren Entspringen.
Regung ist der Ruhe Ausgesandter.

Nie daher, mögen auch glänzendste Aussichten locken,
trifft der Hohe vor seiner Ausrüstung ein.
Seines Leben schwerer Gehalt hält ihn im Gleichmut.

Ist dagegen der zehntausend Heerwagen Herr zu leicht,
so nehmen seine Unterführer ihn leicht.
Seine Untat selbst zerstört die Herrschaft.


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27

Guter Wanderer wankt nicht.
Guter Sprecher stockt nicht.
Guter Rechner braucht nicht Rechentafeln.
Guter Schließer schließt
so daß nicht zu öffnen ist.
Guter Knüpfer knotet
so daß nicht zu töten ist.

Der Hohe findet also einen Weg für jeden;
dadurch bleibt keiner verworfen.
Der hohe Mensch weiß jedesmal zu retten;
daher geht nichts verloren.

Dies nenne ich die andere Erleuchtung:
Der Gute ist Führer des Unguten.
Der Ungute ist Stoff dem Guten.

Wer also seinen Führer nicht ehrt;
wer seinen Stoff nicht liebt:
mag er sonst selbst gescheit und witzig sein,
ist in wüster Verblendung.

Dies ist eine wichtige Unterweisung.


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28

Wer seiner Mannheit Wert weiß
und seiner Weiblichkeit Wucht bewahrt,
wird des Seinsollenden Talgrund.
Wer des Seinsollenden Talgrund ist,
den verläßt nicht Urkraft,
zum Kinde kann er wieder werden.

Wer sein Erleuchtetsein weiß,
doch sich dunkel hält,
wird der Gemeinschaft Fürbild.
Als der Gemeinschaft Fürbild ist er im Seinsollenden
und zuletzt rückverknüpft dem Ungewordenen.

Wer seinen Ruhm weiß,
aber in Niedrigkeit verharrt,
- mehr kann er nicht werden -
ist des Seinsollenden Strombett,
hat eingefunden in des Lebens Einfalt.


up

29

Das Volk nach Gutdünken beherrschen wollen und gestalten:
die Erfahrung lehrt, daß solches nicht gelingt.
Ein Lebewesen ist das Volk, als solches
von außen verwirrbar, verderbbar,
jedoch nicht lenkbar.

Solch ein Wesen will wandeln sich
oder es will bleiben.
Es will Freude äußern
oder im Verdruß verdüstern.
Bald mag es Stärke bekunden wollen,
bald neigt es zur Schwäche.
Einmal will es wirken,
ein anderes Mal ruhen.

Dies wissend
berührt der Hohe sein Volk von innen her:
ohne Überforderung,
ohne Überheblichkeit,
ohne Überwältigung.


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30

Wer dem Seinsollenden gemäß dem Herrscher hilft,
heischt nicht der Waffen Hatz.
Vielmehr strebt er nach Friedens Kraft.
Er weiß: den Weg der Krieger
bezeichnen Gestrüpp und Dorn;
großem Krieg
folgen Mangel und Not.

Der Gute behauptet Dasein,
droht aber nicht mit Gewalt.
Er behauptet Dasein,
reizt aber nicht durch Hoffahrt.
Er behauptet Dasein,
erregt aber nicht durch Herausforderung.
Er behauptet Dasein,
kränkt aber nicht durch Anmaßung.
Er behauptet Dasein,
pocht aber nicht auf Macht.

Die harte Hand erweist: alt fein.
Die weiche Hand erweist: jung fein.
Und überhaupt kann außer dem Seinsollenden
nichts von Dauer werden.


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31

Auch siegende Gewalt ist kein geeignet Werkzeug:
wer im Seinsollenden wandelt, liebt es nicht.

Gerechtfertigt ist Gewalt, wo sie vermeiden nicht gelang.
Doch auch dann erwächst kein Anlaß echter Freude.
Wer könnte im Menschenmord echte Freude finden?

Wo Gewalt herrscht, verkehren sich alle Begriffe,
verliert alles den gemäßen Platz.
Unheil wohnt, wo vordem Glück wohnte;
Leichenfeier will Freudenfeier heißen.
Bleibt nicht auch Siegesfeier:
Klagefeier, Trauerfeier?

Im Seinsollenden siegen ist andere Freude.
Des Lebens Aufgabe
erschaut der Weise in Schönheit-Freude.


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32

Im Urzustand ist das Seinsollende unnambar.
Dies urewige Seinsollende -
wäre es in Fürsten und Königen lebendig:
die zehntausend Geschöpfe kämen zu ihnen wie Gäste zum Gastgeber;
Himmel und Erde spendeten süßen Tau;
die Menschen, nicht wissend, daß sie beherrscht werden,
würden von selbst das Gute tun.

Nachdem dann in Gestaltungen das Seinsollende erscheint,
hat es Namen.
Dieses nambare Seinsollende -
so weit in den Gestaltungen Urtum noch lebendig:
weist selber aus, wo Einhalt zu gebieten ist.
Weiß man, wo Einhalt zu bieten ist, so
kann man Abirrung verhüten.

Dieses in Gestaltungen rinnende Seinsollende
ist zu vergleichen Flüssen und Bächen,
die aus den Bergen kommend
Strömen und Weltmeer zufließen.


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33

Gescheit ist, wer andere durchschaut;
wer sich selbst durchschaut, ist mehr.

Kraftvoll ist, wer andere überwindet;
wer sich selbst überwindet, ist mehr.

Willenstark ist, wer Begehrtes schließlich erringt;
wer nicht begehrt, ist mehr.

Standhaft ist, wer seine Stelle behauptet;
wer gestorben noch besteht, ist mehr.


up

34

Überall flutet das unnambare Seinsollende:
nicht weiblich, nicht männlich, urgewaltiges Es.
Nambar werdend in zehntausend Geschöpfen,
weigert es keinem seine Urkraft.

So macht es sie, mächtigt sie jedoch nicht.
Es hegt, nährt die zehntausend Geschöpfe,
will aber ihr Herr nicht sein.
Es will nicht besitzen:
klein also ist es.
Zurückkehren alles in sich sieht es:
groß also ist es.

Daher auch der hohe Mensch:
bis ans Ende erhebt
auf Größe er seinen Anspruch.
Er will
Großes erwirken.


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35

Wer das große Urbild erfaßt hat, dem
wendet das Leben sich zu.
Es kommt zu ihm, stille, innig,
sündlos, in Freiheit, ohne Drängnis.

Tand und Leckerei halten die Anderen in der Wanderung auf,
nicht so ihn. Mild
geht das Seinsollende in ihn ein
und aus ihm aus.

Man blickt nach ihm und erblickt nichts besonderes.
Man horcht nach ihm und hört nichts auffälliges.
Doch leise wirkt das Urewige
in ihm, durch ihn.


up

36

Da für das Seinsollende
der Hohe handeln soll,
kommt ihm besondere Unterweisung zu:

Was sich hat aufblähen dürfen,
kannst du leicht drosseln.
Was hat geil werden dürfen,
hast du leicht entmächtigen.
Was feist hat werden dürfen,
mag leicht zu Fall kommen. -
In Sammet die Hand,
ist die mächtigere Hand.

Dem Seinsollenden geweiht,
ziemt dir uneingennütziges Wissen.


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37

Dem Seinsollenden geweiht, kennst du
kein eigenwillig Wirken.
So bleibt nichts ungewirkt.

Wären Fürsten und Könige von Ihm bestimmt:
auch die zehntausend Geschöpfe wären dann
von Ihm geleitet.
Eigenwillig Wünschen würde untergehen,
in des Unnambaren Erwirkung.

Im Unnambaren einfältig sein
führt zur Wunschlosigkeit.
Ist Eigenwille zu Ruh gegangen,
wird Gemeinschaft vollkommen.


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38

Der Hohe sucht nicht, was
Tugend genannt wird;
er hat Tugend.
Der Niedrige sucht Tugend;
er hat sie nicht.
Des Hohen Handeln, ist eher ein Nichthandeln;
es ist beglücktes Befolgen.
Der Niedere dagegen handelt, handelt
mit Absicht und Anspruch.

Wo der Niedere liebt, erhebt er sich über die Niedrigkeit.
Wo er der Gerechtigkeit sich befleißt, schon da
handelt er mit Absicht und Anspruch.
Wo er nur Moral und Anstand genügen will,
wird er niederträchtig;
zumal wenn er anmaßend Anerkennung dafür heischt.

Daher:
Wenn das Seinsollende verloren ist, bleibt die Tugend.
Wo die Tugend verloren ist, bleibt die Menschenliebe.
Wird Menschenliebe nicht mehr geübt, bleibt Gerechtigkeit.
Reicht es zur Gerechtigkeit nicht mehr, so
ordnen Moral und Anstand das Menschenleben.

Letztere Lebensregelung freilich ist Scheinregelung,
zeigt die Bürgerlichkeit im Verfall, kündet
der Unwelt Beginn.
Der rechte Mann meidet Lehr-Wissen,
schätzt: weise sein;
hält sich vom Scheinen weg
ans Sein.


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39

Der Himmel erlangte Seinsollendes und ist klar.
Die Erde erlangte Seinsollendes und ist fest.
Geist erlangte Seinsollendes und kann denken.
Raum erlangte Seinsollendes und bekam Inhalt.
Die zehntausend Geschöpfe erlangten Seinsollendes und pflanzen sich fort.
Fürsten und Könige erlangten Seinsollendes und wurden Herrscher.
Überall wurde Seinsollendes wirklich.

Wäre der Himmel nicht durch Seinsollen klar, so würde er bersten.
Wäre die Erde nicht durch Seinsollen fest, so würde sie platzen.
Wäre Geist nicht durch Seinsollen denkfähig, er würde erstarren.
Gewänne der Raum nicht aus Seinsollen Inhalt, er würde zerfallen.
Erlangten nicht durch Seinsollen die zehntausend Geschöpfe Fortpflanzung,
sie stürben aus.
Wären nicht aus Seinsollens Erfüllung die Könige Herrscher,
sie müssten erblassen.

Der Hohe hat das Niedere zur Voraussetzung.
Der gemeinen Menge entspringt das Edle.
Ohne zu-Beherrschende wären die Herrscher Schemen.
Keiner dünke sich erhaben über das Volk!

Also ist es:
Ohne des Wagens Bestandteile wäre kein Wagen.
Außer dem Ganzen zu sein, soll keiner wünschen;
denn vom Ganzen gelöst, sänke er
unter, gleich einem Stein.


up

40

Das Bestimmt-gerichtete
entstammt dem Unbestimmten.
Die zehntausend Geschöpfe sind
aus Seinsollen.

Umfluß in sich ist
des Seinsollenden Bewegung.
Mit sich, was das Seinsollende will,
geschehen lassen:
dies ist des hohen Menschen Tätigkeit.


up

41

Ein hoch Denkender, vom Seinsollenden hörend,
horcht auf und folgt der Weisung.
Ein mittlerer Denker, vom Seinsollenden hörend,
hält sich teils daran, teil weiß er besseres.
Ein nieder Denkender, vom Seinsollenden hörend,
sucht Nutzen davon zu ziehen und lacht -
und wenn er nicht kräftig lacht, so
war es das eigentliche Seinsollende noch nicht.

Darum hat man sagen können:
Die vom Seinsollenden Erleuchteten sind dunkelsinnig.
Die dem Seinsollenden Hingegebenen sind dem Fortschritt abgeneigt.
Die vom Seinsollenden Ergriffenen sind unverträglich.
Die vom Seinsollenden Erhobenen sind einfältig.
Die vom Seinsollenden Beglückten muß man bedauern;
Verzicht ist ihr Los, Untergang ihre Vollendung.

Unendlich Geviert hat keine Ecken mehr.
Unendlich Gefäß faßt keinen Inhalt mehr.
Unendlichen Unendlichen Ton hört kein Ohr mehr.
Unendliches Bild faßt keine Form mehr.

Doch obwohl unauffälligen Wertes und unnambar:
das Seinsollende ist es, was
den Menschen beschenkt und vollendet.


up

42

Dem Unbestimmten entsprang Ein Wirkendes.
Dies Eine erzeugte die Zwei.
Die Zwei erschufen die drei;
die drei brachten die zehntausend Geschöpfe hervor.

Alle Lebewesen lehnen im Weiblich-Dunklen-Lassenden,
streben in Männlich-Lichtes-Tätiges.
Seele, die Mittlerin, will, daß Lehnung und Strebung
einander stillen.

Man verabscheut, bedauert Waisen, Witwer, Verlassene.
Dennoch: Fürsten suchen Vereinzelung.
Könnte also Minderung manchmal Mehrung sein,
Mehrung Minderung?
Mit Anderen denk ich:
Die Eigenwilligen sterben keines gesunden Todes.
So denk ich, und dieser Satz
stehe mit obenan in meiner Lehre!


up

43

Zartestes überwindet Härtestes.
Unstoffliches durchdringt Undurchdringliches.

Ähnlich erscheint mir der Vorteil des Kämpfens für...
gegenüber dem Kämpfen gegen...
Ähnlich der Vorzug der Belehrung durch Tat
gegenüber der durch Worte.

Aber nur wenige verstehen das Mitgehen,
das Kämpfen für...


up

44

Wie man mich ansieht, belangt mich weniger,
als was ich bin.
Wie ich bin, wiegt mehr,
als was ich besitze.
Was denn bedroht mich ärger, Erlangen oder
nicht-Erlangen?

Überanstrengung ist Kraftvergeudung.
Besitz aufhäufen zieht nach sich: verlieren.
Wer Maß hält, vermeidet Sich-schämen.
Unnötiges lassen, erspart Gefahr,
bringt langes Leben.


up

45

Vollendung eines Menschen in sich selbst
erscheint mir unzulänglich;
immerhin reicht sie weit.
Fülle durch sich selbst
kann mir nur unvollscheinen;
immerhin mag sie mancherlei leisten.
Richtigkeit in sich selbst muß
unrichtig bleiben,
Geschicklichkeit aus sich selbst
Ungeschicklichkeit,
Beredsamkeit durch sich selbst
Stammeln.

Mit Bewegung überkommt man Kälte.
Mit Ruhe kommt man weg über Hitze.
Mit Stille und Reinheit
besiegt man die Welt.


up

46

Herrscht in der Gemeinschaft das Seinsollende,
so zieht das Roß den Dungwagen.
Ist der Gemeinschaft das Seinsollende außer Sicht geraten,
so rückt das Roß als Streitroß in die Markung.

Keine Sünde ist größer als die Begehrlichkeit.
Kein Übel so arg wie die Maßlosigkeit.
Kein Unglück schlimmer als Gewinnsucht.

Wer der Zufriedenheit Zufriedenheit erkannt hat,
ist für ein und alle Mal befriedigt.


up

47

Ohne vors Haus zu treten,
kann einer die Welt erkennen;
ohne aus dem Fenster zu blicken,
das Seinsollende erschauen.
Je weiter gereist, desto weniger weiß man.

Ein Hoher reist nicht, ist jedoch weise.
Er forscht nicht, weiß aber zu benennen.
Er handelt nicht, hilft aber
vollenden.


up

48

Wer der Wissenschaft lebt, wird
jeden Tag größer.
Wer dem Seinsollenden lebt,
wird jeden Tag kleiner.
Aus sich selbst handeln:
dies verringert er mehr und mehr;
bis daß er anlangt beim:
mit sich geschehen lassen.

Läßt er mit sich geschehen, so
bleibt nichts ungetan!
Also regiere man nicht mit Geschäftigkeit!
Kein aus Eigenwillen Wollender
lenkt die Gemeinschaft befriedigend.


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49

Der hohe Mensch hat kein gewöhnliches Herz,
er hat das Herz das
den hundert Familien Herz ist.

Gütig bin ich zu Guten, gütig auch
zu nicht-Guten;
denn durch Güte wird das Seinsollende erfüllt.
Ehrlich bin ich zu Ehrlichen, ehrlich auch
zu nicht-Ehrlichen;
denn durch Ehrlichkeit wird das Seinsollende verwirklicht.
Nicht barsch begegnet den Andern der Hohe;
nein, verantwortlich macht er sich
für ihr Geringer-sein.


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50

Die Geburt ist Ausgang, der Tod Wiedereingang.

Unter zehn Menschen aber streben
drei für sich das Leben hinan,
drei für sich das Leben hinab,
drei für sich strebend verweilen.
So kehren drei mal drei die sterbliche Seite dem Leben zu:
alle nehmen ihr Einzelleben kurzsichtig wichtig.

Der letzte, einer unter den zehn,
fürchtet, über Land gehend, nicht Nashorn, noch Tiger;
achtet, in den Krieg ziehend, nicht Waffe noch Rüstung.

Das Nashorn findet nichts an ihm, daß es sein Dorn einbohre.
Der Tiger findet nichts, daß er die Pranke brauche.
Die Waffe findet nichts, das ihr Wuchten erforderte.

Alles,
weil er nicht sein Einzelleben kurzsichtig wichtig nimmt.

Da richten Auge und Ohr sich nach ihm:
Sie werden seine Kinder.


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51

Aus Seinsollen
entsteht es,
wird es durch Entwicklung Einzelwesen,
bildet es als Einzelwesen sich aus,
vollendet es sich durch Fertigkeiten.

Daher kein Geschöpf das nicht das Seinsollen ehrte,
das seine Auswirkung nicht lobpriese.
Zwar wird solch Preis und Lob nicht verlangt,
jedes reine Geschöpf zollt sie aus eigener Lust.
Laß also das Seinsollen
erzeugen, nähren, entwickeln,
gestalten, reifen!

Erzeugen, aber nicht besitzen;
erwachsen lassen und nicht beanspruchen,
fördern, aber nicht der Freiheit berauben:
so sieht aus
die Daseinsauswirkung des Seinsollenden.


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52

In der Welt Anfang ist das Seinsollende
der Geschöpfe Mutter.
Die Mutter erkennen heißt:
ihr Kind sein wollen.
Einer Mutter Kind sein, bedeutet:
die Mutter weiter leben.
So ist man ein Leben lang
gefeit gegen Verfall.

Den Mund verhalten, die Sinne behütet:
so erschöpft sich nicht der Quell, der innen fließt.
Den Mund aufgetan, aus eigenem Willen handelnd;
so zersprengt man die Kraft, der man bedarf.

Seiner Kleinheit bewußt sein, ist Weisheit.
Seine Weichheit wahren, ist Stärke.
Die Weisheit nutzend, die
vom Seinsollenden herströmt,
kehrt man heim,
ungefährdet bei Auflösung des Ichs,
gewiß der Unsterblichkeit.


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53

Äußeres Wissen erwarb ich wenig.
Geleitet bin ich vom Seinsollenden.
Einfach ist dieser Weg;
doch die Menschen
geben den Wirrpfaden den Vorzug.

Ich scheue den Prunk. Wo der Mensch praßt,
vergeilt der Acker, gähnt die Scheune.
Verschwender-Pracht, Waffen-Prahlen,
Völlerei, Hortung des Goldes:
Diebstahl herrscht da, nicht
das Seinsollen.


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54

Fest Gepflanztes ist nicht auszureißen.
Wohl Verwahrtes geht nicht verloren.
Wer sein Gedächtnis Söhnen und Ekeln vermacht,
hört nicht auf.

Aus solcher Einsicht das Leben gestaltet,
äußert des Seinsollens Einwirkung dem Ich sich
als Echtheit,
in Geschlehct und Haus als Wohlstand,
in Gemeinde und Dorf als Wachstum,
in Volk und Land als Blüte,
im Reich als Weltgeltung.

Das fremde ich miß dann an deinem eigenen Ich;
die fremde Sippe an deiner eigenen Sippe;
die fremde Gemeinde an deiner eigenen Gemeinde;
das fremde Reich an deinem eigenen Reich!

Woher weiß ich denn, wie alles sich verhält?
Daher, daß es so ist.


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55

Vom Seinsollenden gelenkt,
gleichst du dem Kinde.
Giftgeziefer sticht nach ihm nicht,
Raubtierkatze schlägt nach ihm nicht,
der Stößer stößt nach ihm nicht.
Weich sind Knochen und Sehnen; dennoch
ist herzhaft sein Griff.
Um Männlich und Weiblich weiß es nicht; und doch
ist es eines oder das andere.
Es kann schreien den ganzen Tag;
und wird nicht heiser.
Im Einklang bleibt bei ihm alles.

Den Einklang fühlen bedeutet:
der Flüchtigkeit enthoben sein.
Dies fühlen bedeutet:
erleuchtet sein.
Erleuchtet sein erst ist eigentliches Leben.

Das Seinsollende kommt zu dir und kehrt in sich zurück.
Was aber außer Ihm wird,
hat keinen Bestand.


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56

Wer weiß, redet nicht.
Wer redet, weiß nicht.

Der hohe Mensch verhält den Mund, hütet die Sinne.
Er entgegnet nicht scharf auf Scharfes,
nicht wirr auf Wirres,
nicht glänzend auf Glänzendes,
nicht erhaben auf Dreckiges.

Dem Seinsollenden angeglichen,
bestimmt ihn nicht Voreingenommenheit,
bestimmt ihn nicht Gewinn oder Schädigung,
bestimmt ihn nicht Ehrung oder Erniedrigung.
Vornehm stehe er
inmitten der Gemeinschaft.


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57

Schlicht ist ds Land zu verwalten.
Vorsichtig werde Gewalt angewandt.
Geschäftstüchtigkeit ist dem Gemeinwesen abträglich.

Verbote führen zu Verarmung.
Erleichterungen verwirren Haus und Reich.
Gerissenheit zeugt Niedertracht.
Gesetzgeberei gebiert Spitzbuben.

Darum denkt ein echter Herrscher:
kein Eigenwille veranlasse mich zu handeln;
so wird Es auch die Andern leiten.
Nicht misch ich mich ein; so
wird das Volk
selbst wachsend gedeihen.
Nicht bin ich begehrlich; so mag auch
das Volk von selbst zur Einfachheit sich wenden.


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58

Zurückhaltende Verwaltung: frohes, anspruchsloses Volk.
Großmaulige Verwaltung: bedrücktes Volk, von Mängeln und Lastern strotzend.
Auf Mühsal baut sich Glück auf; Glanz verschleiert Elend. -
Wer wüßte Bescheid, ohne nach dem Seinsollen zu schauen?

Da werden Wege zu Abwegen; Ordnung zu Verwirrung.
Da wird Glaube zu Wahn - ewige Verblendung!

Der Hohe daher ist rechteckig; aber ohne Ecken.
Er ist winkelig; aber ohne Winkel.
Er ist unerbittlich; doch ohne zu verletzen.
Er ist licht; doch ohne zu blenden.


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59

Andere Menschen zu lenken, setzt Mäßigung vorraus.
Wer die Mäßigung immerzu übt, wird beherrscht:
Der Beherrschte ist allem gewachsen;
man kennt nicht die Grenzen seiner Macht.
Wessen Grenzen man nicht kennt, dem
mag alles zufallen.

Oben zu bleiben aber gelingt nur Dem,
dessen Ich untergegangen ist
im Dienst der Gemeinschaft.
Dem Seinsollenden verbunden, hat er tiefe Wurzelung,
zähen Wuchs, und den Pfad
zu Dauer und Weisheit.


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60

Mit rascher Hitze brät man nicht kleine Fische.
Ebensowenig schafft damit einer
ein groß Gemeinwesen.
Vom Seinsollenden geleitet, hast du
nichts zu befürchten vom Gewesenen;

welches nur teils ein Vergangenes ist, teils aber
als Gewordenes weiterlebt und wirkt.
Du deinerseits, als ein hoher Mensch,
bist nicht gegen des Gewordenen Dasein;
ja, ihr beide seid einig
im Seinsollenden.


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61

Eine führende Macht die sich bescheiden gibt,
erlangt größeren Reiches Leistung;
wird einer Welt Mitte - so wie im Hause die Frau.

Durch Empfänglichkeit bändigt Weibliches das Männliche.
Also auch wird der mächtige Staat der kleineren sorgende Mutter;
die kleinen ihrerseits gelangen mit ihren Antrieben
im großen zur Geltung.
Eine kleine Macht wird, indem sie Demut übt,
mit in der großen wirksam;
die große, indem sie Demut übt,
wirkt auch in der kleinen. -
Durch Uneigennützigkeit erlangen beide,
wonach sie verlangt.

Dem Großen aber geziemt,
mit der Demut voranzugehen.


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62

Das Seinsollende verleiht den zehntausend Geschöpfen Wesenheit;
es ist der Starken Hort, der Schwachen Rettung.
Flüchtig und rasch erntest für schöne Worte du Ehre.
Aber die Menschen hebst du hinan mit fürbildlicher Tat.
Warum die Schwachen nicht hinanheben?

Kaiser und Würdenträger prangen in Pracht und Ehren.
Vierspännig vorüberschirrend erlangen sie dennoch nicht den Rang
Dessen, der durch sein ehrfüchtig Tun
das Seinsollende wieder offenbart;
von dem Die vor uns erfüllt waren.

Diesen Weg suchen, tilgt jede Sünde.
Diesen Weg wieder finden, bedeutet
an des Menschen Vollendung zu wirken.


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63

Tätig sein nicht aus eigenem Willen!
Tätig sein indem du mit dir geschehen läßt!

Geschmack fassen an dem was manchen nicht schmeckt!
Groß erschauen, was gemeinhin klein gilt!
Als viel ansehn, was männiglich wenig dünkt!
Und mit Gutem Böses vergelten!

Alles Schwierige dieser Welt war einmal leicht,
alles Große einmal klein.
Darum sinnt der Große niemals auf seine Hoheit;
hernach mag er Hoheit erlangen.

Wer rasch verspricht, säet kein Zutraun.
Voreilig leicht genommen, erschwert das Gelingen.
Der Hohe also schätzt was vor ihm liegt schwierig;
um schließlich zu erfahren, daß es leicht.


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64

Träges ist leicht anzuhalten;
Unentwickeltes mühelos zu mildern.
Was noch gering ist, ist gern zu vernichten;
was spärlich, unschwer zu beseitigen.
Einwirken also vor dem Geschehnis!
Ordnen vor der Verwirrung!

Baum von zwei Klafter Umfang sproßt aus haarfeinem Würzlein.
Neun Stockwerk hoher Turm ensteht auf wenig Baugrund.
Tausend Meilen Gang beginnt unter einem Fuß.

Wer eigenmächtig tut, vertut.
Gewaltsamer Gewinn verrinnt.

Der Hohe handelt nicht aus sich, zerhandelt also nicht.
Er rafft nicht für sich, hat also nichts zu verlieren.
Die Vielen scheitern, selbst wo Gelingen reif:
Ende und Anfang beendent würden sie hingelangen.

Der Hohe wünscht Wunschlosigkeit; Wertsachen hält er nicht wert.
Er lernt nicht Gelehrsamkeit; was niemand der Achtung wert meint, das schätzt er.

So fördert er des Seinsollenden Ablauf,
greift seinerseits nicht ein.


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65

Die vor uns dem Seinsollenden dienten,
betrieben nicht Volkes Aufklärung,
hielten es lieber in Herzens Einfalt.

Aufgeklärtes Volk weiß alles besser;
jedoch zu seinem Fluch.
Ohne Aufkläricht ist ein Volk zu führen;
mit Aufkläricht ist es zwar zu verführen.
Wer solches weiß, ist zum Beamten des Lebens berufen.
Wer solch Wissen stets befolgt, wird des Seinsollenden Erfüller.

Tief ist solche Wahrheit, weitreichend, oberflächlicher Wahrheit entgegengesetzt.
Zuletzt bewirkt sie das große Gelingen.


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66

Talbett des Seinsollenden sein
ist des Hohen Aufgabe.

Der Hohe herrscht über die Vielen, indem er bescheiden spricht.
Er geht dem Volke voran, indem er sein Ich zurücksetzt.
So steht er an der Spitze des Volkes, und das Volk trägt ihn;
die Gemeinschaft fühlt sich durch ihn erhoben.

Weil nach eigenem er nicht ringt, kann niemand wider ihn sein.


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67

Man sagt, ich sei groß und anders als die Anderen.
Meine Lehre vom Wert der Unscheinbarkeit aber
sei für die Wirklichkeit nicht geschaffen.
Und doch liegt gerade hier die Größe, daß mit meiner Lehre
ich für die Wirklichkeit nicht geschickt erscheine.
So kann ich leisten, was
durch Geschicklichkeit oft erstrebt,
stets verfehlt wurde.
Die Geschicklichkeit nämlich kommt
über bürgerliche Mittelmäßigkeit nicht hinaus.

Drei Kostbarkeiten also hebe ich vor euch empor:
Pflichteinigkeit.
Bedürfnislosigkeit.
Selbstlosigkeit.

Daß ich mich pflichteinig mit euch fühle,
verleiht mir die Kraft, tapfer zu sein.
Die Bedürfnislosigkeit schafft mir die Mittel, freigebig zu sein.
Daß ich selbstlos bin,
befähigt mich, zu herrschen.

Die Anderen: sind sie nicht tapfer durch Preisgabe der Pflichteinigkeit?
Sind sie nicht freigebig durch Verzicht auf Bedürfnislosigkeit?
Herrschen sie nicht durch Drangabe der Selbstlosigkeit?

Dies ist also der Niedergang. -
Pflichteinigkeit bringt den Sieg im Kriege.
Wo das Seinsollende retten will,
da rät es Bedürfnislosigkeit, Selbstlosigkeit.


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68

Guter Kriegsmann ist nicht lüstern auf Krieg.
Guter Kämpfer läßt zum Kampfe sich bitten.
Guter Sieger ist nicht süchtig auf Sieg.
Guter Herrscher ist nicht von Herrschsucht geritten.

Gerüstet sein, aber nicht rasseln,
Leiten, aber geliebt sein -

So
ist des Seinsollenden Art
seit je her.


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69

Dies weiß Kriegserfahrung.
Besser ist: den Gast spielen, als den Herrn;
dienlicher oft: lässig weichen, als stürmisch stürmen.

Man kann gewinnen ohne sich zu regen.
Man kann bedrängen ohne den Arm zu heben.
Man kann zurückwerfen ohne anzugreifen.
Man kann Boden nehmen ohne bedroht zu haben.

Kein Nachteil aber ist größer als leichtfertig kriegen.
Leichtfertig kriegen ist fast schon Verlieren.

Wo zwei Kriegsheere sich treffen,
Siegt der Feldherr, der es schwereren Herzens tut.


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70

Leicht zu verstehen sind meine Worte; leicht ist, sie zu befolgen.
Und doch können beides die Vielen nicht.

Aus Urzeit stammt meine Lehre;
unabänderliche Art wirkt durch mich weiter.
Zu dem Gewordenen muß man Beziehung haben, um
das Seinsollende zu begreifen.
Daß dies nur wenige können, verleiht mir Wert.

In unscheinbarer Hülle
Trägt der Hohe sein Köstliches.


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71

Sein nicht-Wissen wissen kennzeichnet den Hohen.
Nicht-Wissen für weise halten heißt denk-siech sein.

Wer dieses Siech-sein und Siechtum erkennt,
erhebt sich über das Siech-sein.
Der Hohe, solches im voraus wissend,
ist dagegen gefeit.


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72

Fürchten die Leute nicht Furchtbares, so naht Furchtbareres.
Man erniedrige sie jedoch nicht durch Furcht, verleide ihnen nicht ihr Heim!
Mühselig genug ist ihr Dasein.

Der hohe Mensch kennt seinen Wert, will aber nicht scheinen.
Er liebt seinen Wert, sucht aber nicht Ehrung.
Er meidet Ehrung, hält sich an die Selbstachtung.


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73

Mut kühn zu sein, wagt: zum Tode führen.
Mut nicht kühn zu sein, mag wagen: am Leben halten.
Beides ist das eine Mal gut, das andere Mal böse.
Wer dürfte sagen, welches dem Himmel lieber?
Die Entscheidung scheint schwierig.

Und doch bleibt die Bahn des Seinsollenden sich selber gleich.
Doch wird nicht gestritten, jedoch gesiegt.
Hier wird nicht erörtert, aber Antwort gefunden.
Hier wird nicht befohlen, wohl aber gehorcht.
Hier müht man sich nicht, man weiß sich mächtig.

Des Seinsollenden Netz hat weite Maschen,
doch lässt es nichts verloren gehen.


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74

Fürchtet das Volk den Tod nicht, wie könnte der Tod Furcht erregen?`
Fürchtet das Volk den Tod, weil nämlich das Leben erfreulich,
wohlan, so mag die Aussicht geköpft zu werden, den Sünder lenken.

Du überleg indessen, ob ein zum Töten Berufener du bist!
Denn wer statt seiner tötet, gliche dem nicht-Zimmermann,
der statt des Zimmermanns behaut:
leicht möchte die Axt ins eigene Leben sausen.


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75

Weil die Herrschenden zu viel verzehren, darbt das Volk.
Widerspengstig ist das Volk, weil die Herrschenden nicht wissen, was sie sollen;
darum ist das Volk widerspenstig.

Das Volk verachtet den Tod,
weil bedrücktes Leben nicht lockt.
Anderes als das eigene Leben schätzen, ist immer erhebend.


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76

Biegsam, zart: so ist die Jugend.
Hart, steif: das ist der Tod.

Schwank und rank entsteht aus dem Keim das Geschöpf.
Strack und starr verlässt es das Dasein.
Unnachgiebigkeit beweist: Sterben.
Anpassungsfähigkeit beweist: Leben.

Ist Waffnung unbeweglich, so ist nicht zu siegen.
Ist brausch der Baum, so mag er brechen.
Stur und verkrampft ist man im Abstieg,
willig, weich im Aufstieg.


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77

Des Seinsollenden Entwirrung ähnelt dem Bogenspannen:
Was sich entfernen will, wird heran geholt;
was dableiben will, entfernt.
Wo Überfluß lähmt, wird weggenommen.
Wo Mangel schwächt, wird zugetan.

Der im Seinsollenden wandelnde Mensch hortet also nicht.
Er schafft nicht, um zu beanspruchen.
Er wirkt nicht, um wert zu sein.

Der Alltagsmensch dagegen handelt eigensinnig;
und er nimmt noch denen die schon ermangeln;
und lädt denen zu die überschwellen.


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78

Nichts Schmiegsameres auf Erden, nichts Zarteres als das Wasser;
nichts auch, was Hartem, Starrem härter zusetzte!
Unüberwindbar ist es, weil allem gewachsen.

Daß das Nachgibige das Unnachgibige bezwingt, das Zarte das Unzarte:
Alle Welt weiß es, doch niemand mag danach handeln.

So gilt auch:
Wer des Volkes Schuld trägt, trägt sich selbst.
Wer des Volkes Unheil zu dem seinen macht, wird sein Herr.

Wahre Worte oft klingen wie der Wahrheit Umkehrung.


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79

Nach großem Groll bleibt kleiner Groll:
Auch ihn will der Hohe beilegen.
Wie stellt er es an?
Er eilt, seinen eigenen Vertragsteil auszuführen, nachsichtig dem Gegner.
Bei sich selber beginnen, nicht: Forderung betreiben, führt zu des Seinsollenden Erfüllung.

Das Seinsollende bevorzugt keinen. Es ist mit Dem der es erfüllt.


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80

Nicht zu groß sei das Gemeinwesen, nicht unabsehbar die Bevölkerung.
Seine Übergeordneten seien nicht übermütig!

Man lasse die Menschen ihr Leben lieben und nicht in die Ferne schweifen.
Fahrzeuge und Schiffe habe man, doch brauche sie nicht unnütz.
Über Rüstung und Waffen verfüge man, doch nur zu Schutz und Trutz.
Mehr als alles Neue ehre man die alten Runen!

Lust an seiner Nahrung habe das Volk, Freude an seinem Kleide,
Friede durch seine Hausung, Frohsinn in feinen Sitten!
Und mag ein Nachbar-Gemeinwesen in Gehweite liegen,
so daß Hahnenkrähen und Hundegebell herüber und hinüber hallen:
Man bezwinge Neugier und Neid und
hege die eigene Gemeinschaft!


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81

Ehrliches Wort schmeichelt nicht.
Schmeichelndes Wort ist nicht ehrlich.
Hoher Mensch streitet nicht;
streitender Mensch ist nicht hoch.
Der Weise ist nicht gelehrt;
der Gelehrte ist nicht weise.
Hoher Mensch häuft nicht Besitz;
andere beschenkend, für andere schaffend, besitzt er reichen Reichtum.

Das Seinsollende heischt Förderung, heischt niemals Schädigung.
Der hohe Mensch kämpft für ..., kämpft nicht gegen ...
Er handelt nicht aus eigenem Willen;
er lässt in sich wirken das Seinsollende.


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