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Tao Te King von Lao Tse |
Victor von Strauss, 1870 http://www.baraka.de/taoismus/home.html Home | Index |
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Ich überzeugte mich, dass zum gründlichen Verständniss des Tao Te King weder die philosophische noch die religiöse Bildung der chinesischen Ausleger ausgereicht habe, dass dazu die unsrige ganz andere Mittel und Vortheile gewähre, und diese suchte ich nach dem mir gebotenen Maasse anzuwenden. Dadurch trat Lao-tse's System und Denkweise in ein ganz anderes Licht, und indem nun aus ihrer Gesamtheit heraus das Einzelne erklärt wurde, musste dessen Auslegung sich in gar vielen Fällen von der Auffassung der chinesischen Commentatoren entfernen .... So sehr ich nun auch bemüht gewesen bin, auf Grundlage des Grammatikalischen und Lexikalischen den Sinn des Einzelnen aus dem engern und weitern Zusammenhange zu ermitteln, so maasse ich mir doch keineswegs an, überall das Richtige getroffen zu haben. Indess habe ich mich nie ohne sorgfältige Prüfung von der herkömmlichen Auslegung entfernt. Im Verständnis des Sinnes mögen wir den gelehrten Chinesen überlegen seyn; im Wortverständnis haben wir von ihnen zu lernen.
Bei der Übersetzung ist die möglichste Genauigkeit angestrebt, wodurch sie allein wahren Werth für den Forscher haben kann; auch ist versucht, der Redekürze des Originals thunlichst nahezukommen. Im Deutschen lässt sich darin mehr leisten als im Französischen, und ebendarum muss es auch geleistet werden.
Eine Schwierigkeit, die bei jeder Uebersetzung aus einer fremden Sprache gefühlt wird, tritt dem Chinesischen gegenüber in hohem Maasse hervor. Diess ist die Unanmessbarkeit der chinesischen Wortbegriffe gegen die deutschen, ja gegen die europäischen überhaupt. Nur zu oft ist ein gleichgeltender Ausdruck gar nicht aufzufinden und selbst der nächstkommende mit Sicherheit nicht zu bestimmen.
Leichtigkeit kann und darf die Übersetzung nicht haben, denn auch das Original hat sie nicht, hatte sie auch nicht für die Mitlebenden des Verfassers; dem Leser aber, so weit dies möglich ist, den Eindruck des Originals zu geben, darauf kommt es an. Aus diesem Grunde sind auch die häufigen Verscitate als solche wiedergegeben, und wo es irgend thunlich war, wurde da gereimt, wo im Chinesischen der Reim steht. Begreiflicherweise konnte dabei die strenge Genauigkeit der Üebersetzung nicht immer eingehalten werden, doch ist das Wörtliche dann immer in dem Commentare angeführt.
Nach Abschluss dieser Vorrede erhalte ich: "Lao-tse Tao-te-king. Der Weg zur Tugend. Aus dem Chinesischen übersetzt und erklärt von Reinhold von Plaenckner. Leipzig: Brockhaus. 1870." Zu einer Revision meiner Auslegung würde mir dieses Buch, auch wenn es mir zeitiger vorgelegen hätte, keinen Anlass gegeben haben. Es entfernt sich zu sehr von Allem, was der Ernst deutscher Wissenschaft sowol für die Übersetzung als für die Auslegung bisher als Ziel aufgestellt hat. Würde man von einem Werke Platons oder Aristoteles' oder von Plotin eine so willkürliche, in modernen Abstractionen sich bewegende Paraphrase als Üebersetzung geben, wie es hier von Lao-tse geschehen, alle Urtheilsfähigen würden sich, und mit Recht, aufs Schärfste dagegen aussprechen. Bei der Liebe, ja dem Enthusiasmus des Bearbeiters für seinen Autor, über die man sich nur freuen kann, ist es schwer zu begreifen, wie er dazu kommen konnte, ihn so ganz und gar seiner Eigenthümlichkeit zu berauben, wie ein Vormund für ihn zu sprechen, statt ihn selbst sprechen zu lassen, seinen Worten nicht selten einen Sinn unterzulegen, der alles Sprachgebrauches spottet, ja ihn einige Mal direct das Gegentheil sagen zu lassen von dem, was dasteht ... Sein Urtheil über Stanislas Julien ist entschieden zu missbilligen. Er hätte von diesem grossen Kenner des chinesischen Sprach- gebrauches noch viel lernen können, und sein Werk dürfte anders ausgefallen seyn, wenn er es gethan hätte.