Das
Tao Te King
von
Lao Tse
Chinesisch - Deutsch von
Yürgen Oster,
http://www.oster-dao.de/


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1

der weg den wir gehen
ist kein dauernder weg
der name den wir nennen
ist kein dauernder name
unbekannt ist anfang von himmel und erde
bekannt ist die mutter aller dinge
ohne verlangen offenbart sich das geheime
voller verlangen offenbaren sich die formen
beide erscheinen wie eins
doch mit verschiedenen zeichen
erscheinen im dunkel
verscheiden im dunkel
dem tor aller geheimnisse



2

nennen wir schönes schön, ist es darum nicht schön
nennen wir gutes gut, ist es darum nicht gut

sein und nicht-sein bedingen sich
schwer und leicht beheben sich
lang und kurz messen sich
hoch und tief entfernen sich
stille und stimme erklingen in sich
vorn und hinten folgen sich

daher kann der weise wandeln ohne zu handeln
und lehren ohne zu reden
alles entsteht und vergeht ohne unterlass

zeugen doch nichts bewahren
wirken doch nichts fordern
das werk vollenden ohne verweilen
ohne verweilen weilt ohne ende



3

die weisen nicht preisen verhindert den streit
die schätze nicht werten verhindert den raub
angenehmes nicht nehmen verhindert fassungslosigkeit

weises herrschen leert herzen und füllt bäuche
schwächt das verlangen und stärkt die knochen
befreit das volk von sinnen und sinnlichem
wer versteht steht zur seite
alles fügt sich ohne tun



4

der weg ist wie ein leeres gefäß
genutzt doch nicht gefüllt
unfassbare quelle allen seins

schärfe nehmen
knoten entwirren
glanz mildern
eins mit dem staub

in sich gekehrt doch stets gegenwärtig
ich weiß nicht wo es entspringt
der ursprung unserer ahnen



5

himmel und erde ohne wohlwollen
betrachten die wesen wie opfer
die weisen ohne wohlwollen
betrachten die geschlechter wie opfer

der raum zwischen himmel und erde gleicht einem blasebalg
leer doch nicht matt
bewegt bringt er hervor
mehr worte wiegen nichts
vertraue der mitte



6

a
in den sinn versenken kennt kein enden
legenden umwobene weibliche lenden
ihr heim ist keim von himmel und erde
wehenden dunst nutze zum werden
ohne entbehren

b
in den sinn versenken kennt kein enden
legenden umwobene weibliche lenden
ihr heim ist keim von himmel und erde
langsam sammeln
nutze nicht oft

c
tiefe (tal, nach ST auch baden; hegen) geist kein enden
wahrhaftig das dunkle weibliche
des dunklen weiblichen zugang - öffnung -
wahrhaftig der ursprung - keim - anfang von himmel und erde
sanftes (langsam) sammeln (speichern)
benutze nicht oft



7

himmel und erde währen ewig
warum währen himmel und erde ewig
weil sie ungeboren sind
sind sie ein ewiger born

so tritt der weise selbst zurück
und steht vorn
so hält der weise sich selbst heraus
und geht mit

ist es so
selbstlos lebt er sein selbst



8

höchste güte gleicht dem wasser
frei von streben stillt wasser alles
fließt an flächen die menschen fliehen
so ist der weg

gut wohnen
in der heimat
gut versenken
im herzen
gut geben
freudig
gut reden
wahrhaftig
gut entscheiden
gerecht
gut schaffen
gemessen
gut handeln
rechtzeitig

keine ringen kein rang



9

besser bewahren statt sich ergießen
einer zu scharfen klinge wird die schneide bald stumpf

ein haus voll gold und jade
gibt es schutz

stolz auf gut und ehre
lockt verderben

das werk getan zieh dich zurück
der weg des himmels



10

mit leib und seele leben
das eine umfassen
ohne trennung

das qi sammeln
geschmeidig bleiben
wie neu geboren

ursprung und einsicht
rein und klar
ohne zu irren

das land regieren
die menschen lieben
ohne berechnung

öffnen und schließen
die pforten des himmels
empfänglich

hell und heiter
in alle vier richtungen
ohne handeln

gebären und nähren
entbinden nicht binden
aufgabe nicht angabe
fördern nicht fordern

im geheimen wandeln



11

dreissig speichen aus der nabe
das loch in der mitte
macht das rad brauchbar

forme ton zum topf
hohl in der mitte
ist er brauchbar

tür und fenster für ein zimmer
offen in der mitte
sind sie brauchbar

also
sein bringt vorteil
nicht sein bringt nutzen



12

fünf farben den blick blenden
fünf töne das ohr betören
fünf würzen den gaumen trüben

preschen und hetzen das herz verwirren
forschen und schätzen den sinn verirren

der weise auch
folgt dem bauch statt dem aug
mit einem vereint das andre verneint



13

gnade und schande fürchten
selbst dem schicksal fügen

was meint gnade und schande fürchten
gering sein
gewinn ist furchtbar
verlust ist furchtbar
das meint gnade und schande fürchten

was meint selbst dem schicksal fügen
schicksal kommt von selbst
kein selbst
kein schicksal
das meint selbst dem schicksal fügen



14

danach spähen doch nicht sehen
ohne form
danach horchen doch nicht hören
ohne ton
danach fassen doch nicht fühlen
ohne stoff
diese drei sind nicht zu zeigen
sie gerinnen gleich zu einem

oben nicht licht
unten nicht dunst
ein steter faden nicht zu fassen
jederzeit in´s leere kehrend

wesen ohne wesen
wunder ohne wunder
ur wissen des selbst

begegnen kein erkennen
folgen kein zurück

wandle den zeitlosen weg
handle hier und jetzt

den kern kennen
des weges wesen wissen



15

geehrte gelehrte erreichen des geistes geheimen dunklen grund
ihr wissen rührt mystische tiefe

weil mystisch tief
wir beschreiben ihr erscheinen

tastend schreiten auf gleitendem eis
wachsam die nachbarn achtend
ernste geehrte gäste
weich schmelzender schnee
schlichter unbeschnitzter block
leeres tal
trüber tümpel

wer kann wartend das wasser klären
wer will stille ins leben stellen

wer den weg wahrt
wünscht nicht fülle
fühlt nicht wünsche
führt den wandel ohne anfang



16

erlange letzte leere
bewahre ruhe wahrhaftig

die wesen bersten in´s leben
sehen selbst sich wenden
kommen und gehen zur wurzel zurück
zur wurzel kehren ist stille
stille ist heim des willen
dem willen folgen ohne wandel

ohne wandel folgen ist leicht
dem wandel folgen ist leid

ohne wandel folgt leichter sinn
dem leichten sinn folgt gerechtigkeit
der gerechtigkeit folgt beherrschung
der beherrschung folgt der himmel
dem himmel folgt der weg
dem weg folgt dauer

ohne leib kein leid



17

vom erhabenen reden die niederen nie

dann folgt was das volk liebt und lobt
dann folgt was das volk fürchtet
dann folgt was das volk verachtet

wo kein vertrauen da keine treue

im herzen horte wertvolle worte
vollbringe werke froh dienend

hundert geschlechter bezeugen
uns selbst sind wir treu



18

wird der grosse weg vergessen
gibt´s güte und gerechtigkeit

entstehen klugheit und scharfsinn
gibt´s grosse heuchelei

stimmt die sippe nicht mehr überein
gibt´s kindespflicht barmherzigkeit

regieren heimlichkeit und streit
gibt´s treue beamte



19

beende heiliges verlasse wissen
das volk findet hundertfach gewinn

beende güte verlasse recht
das volk findet kindespflicht und barmherzigkeit

beende begabung verlasse verdienst
räuber und diebe wird es nicht geben

diese drei als lebensart gelten nicht genug

wichtig ist
klares betrachten
rohes erfassen
sich selbst vergessen
süchte zügeln



20

gib lernen auf beende bedenken

ja oder na ja wo sind die grenzen
recht oder schlecht wo sind die grenzen

das ehren was andere ehren
öde ohne ende

menschen sind friedvoll und froh
beim opferfest
im frühling
ersteigen terassen

ich allein bleibe still
ohne ein zeichen
wie neugeboren
ohne ein lächeln
verwirrt verirrt im nirgendwo

die menschen geborgen in hülle und fülle
ich bin verloren
das herz eines narren
verworren

normale menschen sind helle
ich allein bin betrübt
normale menschen sind scharf
ich allein bin stumpf

ruheloses meer
umher getrieben ohne einkehr

ein jeder gibt seinem leben sinn
ich allein bin ohne verstand
anders als andere
ehre die nährende mutter



21

unergründlicher wandel folgt nur dem weg
des weges wesen ist unfassbar flüchtig
unfassbar flüchtig die inneren bilder
flüchtig unfassbar die innere form
im dunkel versunken ruht des wesens kern
des wesens kern ist wirklich
darin liegt zuversicht
von anbeginn bis heute wurde ein name nicht gefunden
der schöpfung ursprung
woher weiß ich von der schöpfung urprung
eben daher



22

gekrümmt zeugt gerade
gebeugt zeugt gerecht
leer zeugt voll
erschöpft zeugt neu
wenig zeugt fülle
viel zeugt verwirrung

darum ergreift der weise das eine
und wird dem volke vorbild

weil er nicht im licht steht
leuchtet er
weil er sich nicht wichtig nimmt
hat er gewicht
weil er dient
hat er verdienst
weil er folgt
hat er erfolg
weil er nicht streitet
ist er unumstritten

das alte wort
gebeugt zeugt gerade
ist nicht leer

von ganzem herzen zum heilen wenden



23

wenige worte wahren den ursprung
wirbelnde winde währen keinen morgen
wolkengüsse währen keinen tag
warum - weil himmel und erde so walten

wenn himmel und erde nichts weilendes schenken
wieviel weniger die menschen

wer dem weg folgt
wird wie der weg
wer dem wandel folgt
wird wie der wandel
wer das lassen lobt
wird wie das lassen

wer wird wie der weg
wird vom weg willkommen
wer wird wie der wandel
wird vom wandel willkommen
wer wird wie das lassen
wird vom lassen willkommen

wer nicht wahrhaftig ist
wird das wahre nicht finden



24

sehnsüchtig (streben)
kann nicht stehen
großspurig
kann nicht gehen
eigensinnig
kann nicht sehen

selbstgerecht
wird nicht geehrt
selbstgefällig
wird nicht gefolgt
selbst gelobt
wird nicht gelohnt

so sagt man auch
zu dick aufgetragen ist unverträglich

wer dem weg folgt
wird sich nicht so betragen



25

es gibt geheimnisvoll geformtes
lange zeit vor himmel und erde
in stille und leere
steht es
allein
kein wandel
vollkommen die bewegung
ohne zu weichen

weltenmutter mag es sein
seinen namen weiss niemand
nenne es den weg
kenne kein besseres wort
nenne es groß

groß bedeutet ausdehnen
ausdehnen bedeutet entfernen
entfernen bedeutet rückkehr

der weg ist groß
der himmel ist groß
die erde ist groß
auch der herrscher ist groß

in den grenzen des alls
gibt es vier die groß sind
der herrscher ist davon einer

des menschen gesetz ist die erde
der erde gesetz ist der himmel
des himmels gesetz ist der weg
des weges gesetz ist der eigene geist



26

schwere ist des leichten wurzel
ruhe ist der unrast herr

daher geht der weise
den ganzen tag voran
trennt sich nie von seiner last

bieten sich auch verlockende aussichten
bleibt er unberührt gelassen

wie kann da der herr über das heer
aus eigennutz leichtfertig handeln im land
leichtfertig verliert er seine wurzeln
rastlos verliert er seine beherrschung



27

gut gegangen ohne spuren
gut gesprochen ohne stocken
gut gerechnet ohne zählwerk

gut geschlossnes ist auch ohne sperre nicht zu öffnen
gut geknüpftes ist auch ohne knoten nicht zu lösen

so sorgt der weise für alle
ohne sonder
er kümmert sich um alles
ohne sonder

das heisst
erfolg der erleuchtung

der gute mensch ist des schlechten lehrer
der schlechte ist des guten aufgabe
seinen lehrer nicht achten
seine aufgabe nicht lieben
das schafft verwirrung trotz grosser weisheit

wichtig zu wissen



28

männliches kennen
weibliches wahren
ist die quelle der welt

die quelle der welt
ständig wandelnd
doch beständig
heim finden
im kind

weiss kennen
schwarz wahren
ist das vorbild der welt

das vorbild der welt
immer wandelnd
doch nie irrend
heim finden
in letzter leere

würde kennen
demut wahren
ist die nahrung der welt

die nahrung der welt
ewig wandelnd
doch genügend
heim finden
zum rohen holz

rohes holz behauen
bedeutet hausrat schaffen
das ist des weisen rat
zu führen und zu lenken
denn
ein grosses werk gelingt ohne schnitt



29

wer will die welt begreifen und verbessern
offensichtlich geht das nicht

die welt ist geist geschaffen
besser geht es nicht

verbessern bedeutet verderben
begreifen bedeutet verlieren

der weise meidet
ausschweifung
übertreibung
einbildung



30

wer vom weg sich leiten läßt
kann den menschen führer sein
nicht mit gewalt die welt erobern
so kommt sein handeln gut zu wirken

wo heere zogen
wachsen dornen und gestrüpp
auf grosse kriege
folgten jahre grosser not

entschlossen handeln ohne schaden
wage nicht gewalt zu nehmen
entschlossen handeln ohne stolz
entschlossen handeln ohne ruhm
entschlossen handeln ohne hochmut
entschlossen handeln ohne zögern
entschlossen handeln ohne gewalt

frühe blüher welken schnell
das heisst den weg verlieren
den weg verlieren heisst
verloren sein



31

die waffen der tapfren sind unheil bringende dinge
von allen verhasst
wer den weg geht
wendet sich ab

der edle steht nach den regeln zur linken
der krieger steht nach den regeln zur rechten

waffen sind unheil bringende dinge
dem edlen sind sie kein geleit
kein ende findet wer sie ergreift
ruhig gleichmütig handeln hält er hoch
sieg ist ihm nichts schönes
wem dies schön scheint
findet freude am töten
wer freude am töten findet
wird nicht auf erden erfüllung finden

( bei freudigen anlässen ist der ehrenplatz links
bei traurigen anlässen ist der ehrenplatz rechts
der feldherr steht links
der oberbefehlshaber steht rechts
das heisst
krieg wird wie ein begräbnis geführt
werden viele menschen getötet
bedaure man sie mit klagen und jammern
das heisst
ein sieg ist ein begräbnis )



32

der weg bleibt ewig
namenlos schlicht
obwohl unscheinbar
hat niemand auf erden seine kraft

beamte und fürsten
selbst der könig
niemand kann derart schützen
die zehntausend dinge kommen
von selbst herbei

himmel und erde miteinander vereint
erfüllen wohltuende offenbarung
das volk kommt
ohne verordnung
von selbst zur harmonie

ein anfang gelungen
ein namen ersonnen
den namen schon genommen

der himmel wird wissen
wann inne zu halten
wissen wann inne zu halten
kennt keine gefahr

des weges wesen auf erden gleicht
einem flusstal
das strom wird
und meer



33

andere erkennen zeigt weisheit
sich selbst erkennen zeigt klarheit

andere besiegen zeigt kraft
sich selbst besiegen zeigt stärke

erkennen was reicht zeigt reichtum
mit stärke vorgehen zeigt willen

seinen platz nicht verlieren zeigt stetigkeit
sterben ohne zu vergehen zeigt unsterblichkeit



34

groß ist der weg
überströmend
zu allen seiten
alles erscheint
ihm überlassen
weist nichts ab
vollendet sein werk
verschwendet kein wort

kleidet und speist
was alles erscheint
nennt es nicht sein eigen
bleibt ohne verlangen
bescheiden klein

alles kehrt hierher heim
nennt es nicht sein eigen
vereinend groß

nicht groß in sich selbst
vollendet er großes



35

wer hält in händen
die grosse gestalt
dem kommt die welt abhanden
kommt abhanden ohne schaden
erhält ruhe gleichmass frieden

teilhaben am lachen
mag wandernde locken
den weg zu verlassen

den weg in worte fassen
verwässert
schmeckt fad

schauend gibt es nichts zu sehen
lauschend gibt es nichts zu hören
nutzend gibt es nichts zu vollenden



36

wo man wünscht zu schliessen
soll man entschlossen öffnen

wo man wünscht zu schwächen
soll man mit aller kraft stärken

wo man wünscht zu unterdrücken
soll man mit nachdruck fördern

wo man wünscht zu nehmen
soll man mit hingabe geben

das nennt man klarheit im kleinsten

biegsam und schwach
besiegt stark und hart

fische belassen im tiefen wasser
das landes waffen nicht offen zeigen



37

der weg besteht ewig
ohne tun
ohne dass nichts geschieht
können die herrscher dies bewahren
alles wird von selbst sich ändern

besteht begehren
ändern zu wollen
bleibe ich ruhig gefasst
im namenlos schlichten
das namenlos schlichte herrscht ohne begehren
ohne begehren herrscht frieden
das erdreich ruht in sich selbst



38

tugend mehren doch nicht daran haften
dies ist tugendhaft
tugend mindern doch darauf beharren
dies kann nicht taugen
tugend mehren doch nicht anwenden
dann bleibt nichts zu tun
tugend mindern und anwenden
dann bleibt viel zu tun
güte mehren und anwenden
dann bleibt nichts zu tun
recht mehren und anwenden
dann bleibt viel zu tun
anstand mehren und anwenden
dann wenden sich alle ab
doch steht der unbeirrt als vorbild da
und setzt sich durch

darum
geht der weg verloren folgt tugend
geht die tugend verloren folgt güte
geht die güte verloren folgt recht
geht das recht verloren folgt anstand

anstand aber ist dürftig in treue und ehre
anfang der verwirrung

um kommendes kümmern heisst den weg verschwenden
anfang der dummheit

darum
ein mann mit größe
verweilt bei tiefem
nicht bei seichtem
er bleibt beim sein
nicht beim schein

dieses verlässt er und jenes holt er



39

in alter zeit erreichten diese die einheit

der himmel erreichte einheit mit klarheit
der erdball erreichte einheit mit stille
das erhabene erreichte einheit mit willen
das tiefe erreichte einheit mit fülle
die zehntausend dinge erreichten einheit mit leben
die herrscher erreichten einheit mit rechtem regieren

der himmel ohne klarheit
müsste fürchten zu spalten
der erdball ohne stille
müsste fürchten zu bersten
das erhabene ohne willen
müsste fürchten zu versagen
das tiefe ohne fülle
müsste fürchten zu erschöpfen
die dinge ohne leben
müssten fürchten zu erlöschen
die herrscher ohne rechtes regieren
müssten fürchten zu stürzen

darum bezeugt der edle bescheidene herkunft
hohes wurzelt tief

sich selbst bezeichnen die besten des reiches
verwaist
verwitwet
vertrocknet

heisst dies seine herkunft bescheiden

also
wiederholtes lob ist hohles lob

begehre nicht zu gefallen wie jade
um zu fallen wie stein



40

zurück führt des weges bewegung
verjüngend ist des weges anwendung

alle erscheinungen entstehen aus dem sein
das sein entsteht aus dem nicht-sein



41

gescheite gelehrte vernehmen vom weg
fleißig folgend
gewöhnliche gelehrte vernehmen vom weg
gleich labend wie leidend
geringe gelehrte vernehmen vom weg
schallend lachend

ohne gelächter
wäre der weg der ehre nicht wert

darin gründen wohl die worte

leuchtender weg
dunkel
erfolgreicher weg
folgenlos
sicherer weg
schwerlich
erhabene tugend
erniedrigt
große klarheit
schmach
umfassende tugend
ungenügend
stolze tugend
verstohlen
wahre natur
ohne bestand

grosszügigkeit kennt keine winkel
grosse werke brauchen zeit
harmonie ist rarer klang
wunder bleiben unsichtbar

der weg
verborgen unbenannt
der weg nur
kann güte vergeben und gleich vollbringen



42

dao zeugt eins
eins zeugt zwei
zwei zeugt drei
drei zeugt alles

alles trägt yin
umfasst yang
strömendes qi vermischt sie

menschen hassen
verwaist
verwitwet
vertrocknet zu sein
so wie die herrschenden sich nennen

das erscheinen schwächen bringt nutzen
weniger zählt mehr
mehr zählt wenig

was das leben lehrt
lehre auch ich
wer seinen rücken stärkt
muss den tod nicht fürchten

dies wird der kern meiner lehre sein



43

das sanfteste auf erden
erringt
das standhafteste auf erden

nicht dringt durch dicht

so können wir den wert erkennen
unbedeutend zu sein

ohne worte lehren
ohne handeln mehren
wird selten erreicht auf erden



44

ruf oder leib was ist näher
leib oder gut was ist mehr
lust oder verlust was ist übler

sucht bringt sicher grosses leid
gier bringt sicher grossen verlust

genügsamkeit bewahrt vor schande
zurückhaltung bewahrt vor schaden

damit kann man lange leben



45

grosse vollkommenheit scheint schadhaft
ihre wirkung ist unschädlich
grosse fülle scheint überströmend
ihre wirkung ist unerschöpflich

grosses recht scheint ungerecht
grosses geschick scheint ungeschickt
grosse erklärung scheint unklar

aufbrausend siegt kälte
ruhig siegt wärme

klar und friedlich handeln
richtet alles auf erden



46

lebt der weg auf erden
karren die rosse dung

fehlt der weg auf erden
züchtet man kriegsrosse
selbst an entlegenem ort

kein grösserer frevel als begehren
kein grösseres elend als genug nicht kennen
kein grösserer fehler als wünschen nachgeben

darum
wem genug genügt hat immer genug



47

ohne zur tür hinaus zu treten
die welt kennen
ohne zum fenster hinaus zu blicken
des himmels weg sehen

je weiter er geht
desto geringer sein wissen

der weise
er geht nicht fort
doch kennt er
er schaut nicht hin
doch benennt er
er handelt nicht
doch vollendet er



48

dem wissen folgen
täglicher gewinn
dem weg folgen
täglicher verzicht

dauernder verzicht führt zum ohne-tun
ohne-tun ist ohne nicht tun

das erdreich erhalten ohne aufwand

kein aufwand kann ausreichen
um das erdreich zu erhalten



49

des weisen herz ist ungewöhnlich
der menschen herzen gehn ihm zu herzen

zu den gütigen bin ich gütig
zu den nicht gütigen bin ich gütig
tugend ist gütig

den treuen bin ich treu
den untreuen bin ich auch treu
tugend ist treu

der weise lebt in furcht
aus furcht handeln
betrübt sein herz

die menschen schenken ihm aug und ohr
dem weisen sind alle kinder



50

austreten in das leben ist eintreten in das sterben

im leben kein geleit sind die dreizehn*
im sterben kein geleit sind die dreizehn
der menschen leben gleitet zum sterben
auch das ist ein ort der dreizehn

warum
sie leben ihr leben in fülle

baue auf die worte
sein leben einverleiben in güte

wandern ohne nashorn und tiger zu treffen
das schlachtfeld betreten ohne schützende rüstung und waffen

das nashorn stößt sein horn ins leere
der tiger schlägt seine krallen ins leere
die waffen bohren ihre klingen ins leere

warum
das sterben ist nicht sein eigen

* 8 trigramme, 5 wandlungsphasen



51

der weg erschafft
der wandel erzieht
die umstände formen
die kraft festigt

so
keines der unzähligen wesen
ehrt nicht den weg
schätzt nicht den wandel

den weg ehren
den wandel schätzen
wird niemand auferlegt
versteht sich von selbst

daher
der weg
erschafft

der wandel
erzieht
stärkt
nährt
gestaltet
festigt
pflegt
schützt

erschaffen nicht haften
handeln nicht halten
härten nicht herrschen
ursprünglicher wandel



52

die welt hat ein beginnen
im tun der weltenmutter

die mutter kennen
wieder des sohnes erinnern
den sohn kennen
wieder die mutter schützen
des leibes scheiden nicht bedroht

seine öffnungen stopfen
seine pforten schließen
des leibes verenden nicht beständig

seine öffnungen öffnen
sein schicksal fortführen
des leibes verenden nicht befreit

kleines sehen heißt klar
weiches schützen heißt stark
sein licht nützen
wieder heim zur klarheit finden
nie den leib im unheil verlieren

beharrlich bleiben



53

mach ich mir sorgen
um das wahre wissen
den grossen weg zu gehen
achte ich einzig
nicht abzuweichen

der grosse weg ist sehr gerade
doch die menschen lieben verschlungene pfade

das herrscherhaus ist sehr verrottet
die äcker liegen brach
die speicher stehen leer
in farbenfroher kleidung
führen sie ein scharfes schwert
überdrüssig der speisen
übermäßig der besitz

wir sagen wegelagerer
wegelagerer folgen nicht dem weg



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