read!!ing room Vitrine
Harald Jüngst reist gerne. Am liebsten zwischen den zwei "D"s. Das erste "D" steht für seine Heimatstadt Duisburg, das zweite "D" steht für das irische Donegal. Donegal ist das, was man/frau wohl landläufig eine Wahlheimat nennt.
Als Journalist und Hörbuchautor reist Jüngst auch gerne und bringt von seinen Reisen viele Geschichten mit. So verwunderte es die Zuhörer*innen von "Grünes Herzbeben" wohl auch nicht, dass von einer Fährreise zwischen Irland und Wales bei Windstärke 10 die Rede war. Darüber hinaus zeigte Jüngst auf äußerst charmante und des trockenen Humors durchaus fähig, was in Irland unter einem "Loch in der Wand" verstanden wird - und welche bösartigen und vor allem langwierigen Folgen es haben kann, wenn man/frau einen wichtgen Gebrauchsgegenstand diesem "Loch in der Wand" anvertraut. Natürlich durfte eine solche Lesung nicht ohne Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch" über die kleinste Bühne in Margareten gehen
Harald Jüngst versteht sich als ein "interkultureller Zwitter" (Zitat) und als solche brachte er uns das irische Zeitgefühl, das dem deutschen Pünktlichkeitsempfinden so gar nicht entsprechen will. Alles in Allem: Eine Lesung, die nach einer Wiederholung schreit. Für jene, die die Lesung verpasst haben, besteht die Möglichkeit sich mit dem Hörbuch zu trösten.
Dialektdichtung lebt. Harald Pesata gab in seiner Lesung aus "Für Garderobe keine Haftung!" nicht nur einen Einblick in die Wiener Seele, sondern auch ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Dialekt in der Literatur funktioniert. Harald Pesatas Buch ist eine Sammlung von Geschichten und Anekdoten und man möchte fast schon sagen ein Sittenbild aussterbender Charaktere:Der Haflinger und der Kas(erer), der Hausmasta kommen ebenso vor, wie der Friedl der in bester Hugo Wiener-Manier sparen möchte (allerdings nicht bei den allgemeinen Ausgaben, sondern beim Saufen!). Pesatas Figuren entsprechen dem, was Ernst Hinterberger in einem Interview "die brutale Gemütlichkeit" der Wiener nannte. Der Autor präsentiert den Wiener in all seinen Facetten und lässt ihn in einem fiktiven Beisl in der Hofgasse über die Bretter stolzieren, die die Welt für viele bedeuten: den Schiffbrettboden eines Wiener Beisls. Das Buch ist im gut sortierten Handel erhältlich.
Der read!!ing room legt einen Schwerpunkt auf die Pflege von verstorbenen Künstler*innen und Persönlichkeiten, die unseren Alltag in irgendeiner Weise beeinfluss(t)en. Im Jahr 2008 starteten wir das "andere" Gedenkjahr, indem wir die offiziellen Gedenktermine (1918, 1938, 1968, 1988) bewusst ignorierten und eine komplette Sammlung an "alternativen" Gedenkterminen auf die Tagesordnung stellten. Von der 100-jährige Erfindung der Filtertüte bis zu 20 Jahren Rapid Ultras war alles dabei. Im Jahr 2011 haben wir vor diesen Weg weiter zu gehen. Am 100. Geburtstag von Kreisky kommt mensch gerade in Wien-Margareten nicht vorbei. Aber auch andere Jubiläen sind es wert gefeiert zu werden. Tennessee Williams, Internationaler Frauentag, Max Frisch u.a.m. Wir fügen diesem biografischen Schwerpunkt einen weiteren hinzu. Eine Serie mit dem Titel "...died in a hotel room." Persönlichkeiten, die ihr Leben im Hotel teilweise verbrachten und ihren letztem Atemzug in einer temporären Behausung machten, gilt unser besonderes Augenmerk im Jahr 1011. Wir begannen im Jänner mit Coco Chanel, die im Pariser Ritz wohnte. Im Februar ist es Anna Nicole Smith. Im März wurde Charlie Parker "verewigt" und im Juni David Carradine. Nicht jeder dieser Persönlichkeiten wird mit einer Veranstaltung gedacht. Die letzte Veranstaltung galt allerdings Anton Tschechow, der 1904 im deutschen Badenweiler verschied.Wir haben eine eigene Unterseite eingerichet, die am Ende des Jahres das Projekt dokumentieren soll. Link zu "..died in a hotel room."
An der Frage nach dem "Sinn des Lebens" haben sich schon andere die Zähne ausgebissen. Und mit Platitüden wie das Glück ist ein Vogerl halten sich Franz Schachtel und Bruce Lee sowieso nicht auf. Bruce Lee, das Kung Fu Idol der siebziger Jahre, hat es weit gebracht. Er verkauft heute Eiskästen in Neufundland. Dort trifft er auf Franz Schachtel. Eine Zusammenkunft mit Folgen....
"Der Sinn des Lebens" wird durch eine Reihe von Interviews mit Bruno Kreisky, Falco und Dagmar Koller ergründet. Sie bilden den roten Faden des Programms. Franz Schachtel und Bruce Lee erzählen vereinzelte Geschichten, die das Leben bereit stellt; sei es von einer Therapiesitzung im Gefängnis oder einem Treffen am Arbeitsmarktservice. Die einzelnen Nummern werden geschickt untereinander verwoben. Absurditäten quer durch Neufundland, lautes Lachen und der eine oder andere nachdenkliche Ton sind gegeben. Alles was ein gutes Kabarett braucht.
Der read!!ing room feierte seinen 8. Geburtstag. Freund*innen des read!!ing room kamen zahlreich. Neben Speis und Trank gab es Interventionen lesender Natur von Peter Miniböck, Manuela Kurt und Günter Vallaster. Außerdem performte Bela K. die ungarische Weihnachtsgeschichte. Die Geburtstagsfeier des read!!ing room ist in gewisser Weise der Höhepunkt des Veranstaltungsjahres. Mit diesem Fest wollen wir einfach all jenen Danke sagen, die bei uns mittun und uns als Gäste die Treue halten. Nebenstehend ein paar Eindrücke des Festes.
Waiting for...Ein kleiner Erlebnisaufsatz Auf dem Papier ist die Umsetzung eines derart kleinen Projektes wie "Waiting for ..." ja kein wirkliches Problem. Wir setzen uns in den öffentlichen Raum mit ein paar Utensilien, wie einem Schild, zwei netten Klappsesseln aus dem Garten einer Freundin, einem alten Teppich, einem Beistelltisch eines hiesigen schwedischen Möbelhändlers. Als besonderer Gag dient eine neue Ausgabe einer hamburgischen Wochenzeitung, bei der man_frau im wahrsten Sinn des Wortes und des Wartens "Zeit" braucht. Alles Utensilien, die etwa in einem Wartezimmer zu finden sind und die unsere privat/öffentlich Wartezimmerszenarien anschaulich machen sollen. Lesen Sie den ganzen Bericht unter diesem Link.
Das Konzept finden Sie hier
Wortwitz, Wortwörtlichnehmen und bewusstes Falschverstehen sind die sprachlichen Zutaten, die Karl Valentin und Liesl Karlstadt nutzen für eine einzigartig komische Mischung aus witzigen Alltagssituationen. Münchner Lokalkolorit rundete das Programm ab. Vor gut mehr als 50 Jahren verstarben die beiden kongenialen Partnerinnen Ihre Sketche und Wortspiele sind unvergessen. Kurt Raubal und Monika Schmatzberger ließen Valentin und Karstadt im read!!ing room gezählte 9mal auferstehen. Die Figuren, die Karstadt und Valentin entwarfen, waren funktionierten nach dem Prinzip des Gegensätzlichen. Der eine Naiv, die andere resolut. Die eine gestresst, der andere nervend – gemixt mit Alltagsweisheiten. Schmatzberger und Raubal arbeiten diese Gegensätzlichkeiten genau heraus und führen den Zuschauer_innen ein Panoptikum der kleinen Alltagsabsurditäten vor.
Ihr Vater war nach ihren eigenen Aussagen Filmvorführer in einem Open-Air-Kino; ihre Mutter sang viel und bedauerte es, nicht Opernsängerin geworden zu sein. Auch wenn die Mutter ihren nicht realisierten Traum an die Töchter weitergab, so waren die Voraussetzungen keineswegs die allerbesten für eine Weltkarriere. Weder das Umfeld, noch die physischen Voraussetzungen schienen das Unternehmen "Sängerin" zu begünstigen.
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Billie Holiday wurde als Eleonara Fagan 1915 in Philadelphia geboren. Ihr Vater war dem Einvernehmen nach Clarence Holiday, der später als Gitarrist in der Fletcher Henderson Band spielte. Sie verbrachte eine unglückliche Kindheit und wurde von verschiedenen Menschen groß gezogen.
Ende der 20er Jahre begann sie in Clubs in New York aufzutreten. Ihre musikalischen Vorbilder fand die Autodidaktin Eleonara Fagan, die als Billie Holiday, auftrat in der Blues-Sängerin Bessie Smith und in Louis Armstrong. (1894–1937).Entdeckt wurde sie von John Hammond. Er organisierte für sie einige Aufnahmen mit Benny Goodman. Später arbeitete sie zusammen mit Musikern wie Lester Young, Count Basie und Artie Shaw. Mit Young, den sie zuerst 1934 traf, verband sie eine lebenslange, enge Freundschaft.
Als eine der ersten Jazzsängerinnen trat sie mit weißen Musikern auf und überwand damit rassistische Beschränkungen. Auf der Bühne verwandelte sie sich in „Lady Day“ mit der weißen Gardenie im Haar. 1939 sang sie erstmals den Song „Strange Fruit“, der eindringlich die Lynchjustiz an Afroamerikaner/innen vor allem in den Südstaaten der USA thematisierte. Seither verband das Publikum Billie Holiday mit diesem Stück.
Es folgte eine beispiellose Karriere mit einem noch größeren Absturz. Billie Holiday gelang es beruflich eine eigenständige Künstlerin zu werden. Privat blieb ihr dieses Glück jedoch nicht beschieden. Eine schwere Drogensucht, mehrere gescheiterte Ehen und zahlreiche Affären stellten die Schattenseite ihres Lebens dar und bildeten zugleich der Stoff aus dem ihre Songs bestanden. Billie Holiday verstarb am 17. Juli 1959.
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Dorothea Zeemann (eigentlich Dora Holzinger) wurde am 20. April 1909 in Wien-Landstraße geboren. Ursprünglich zur Krankenschwester ausgebildet und auch in diesem Beruf arbeitend, wandte sie sich Anfang der 40er Jahre der schriftstellerischen Arbeit zu. Ihr erstes Buch trug den Titel "Signal aus den Bergen" und wurde 1941 publiziert. Unter dem Einfluss von Egon Friedell befasste sich Dorothea Zeemann immer intensiver mit dem Schreiben, so entstand das 1949 verlegte Werk "Ottilie, ein Schicksal um Goethe". Die zweite große wichtige Begegnung war jene mit Heimito von Doderer. In einem Zeit-Artikel über "Jungfrau und Reptil" heißt es:
"Noch bevor ich Heimito von Doderer zu lesen begann, verabscheute ich ihn schon instinktiv. Dieser Abscheu ging so weit, daß ich einem Peter Handke dann die bloße Doderer-Lektüre, die er in seinem "Journal" festhält, verübelte. Und nun begegnet mir dieses Buch, das meinem Abscheu die Belege nachliefert in Hülle und Fülle, ein Buch, das auf Doderer schon im Titel zielt, denn das "Reptil" ist niemand anderes als er: ein eitler, elitärer, dekadenter alter Mann, der sich als Volksfeind und Feind der antifaschistischen Emigranten gefällt, der die hehre Abendland und Artisten-Attitüde pflegt und der dann doch nur gemein und grotesk wirkt mit seinem Gebiß auf dem Nachttisch, dem roten Samt-Peitschchen und den Fesseln, die er seiner Geliebten anlegt, bevor er ihr seine totale Liebesunfähigkeit als Wollust der Antike zelebriert." (DIE ZEIT, 07.05.1982 Nr. 19).
Diese Beziehung zu Heimito Doderer steht/stand lange Zeit im Vordergrund der Rezeption der Autorin. Und wie bei vielen anderen Autor/innen war es ja so, dass die Beziehung zu einem "Großen der Kunst" wichtiger schien als das eigene Werk. Ob sie nun Lou Andreas-Salomé heißen, oder Simone de Beauvoir oder eben Dorothea Zeemann. Aber die Zeit scheint nun reif, dass sich dies langsam ändert.
Für Generationen von Schriftstellern galt Zeemann als kritische Ratgeberin und Förderin. Als Generalsekretärin des österreichischen PEN-Clubs von 1970 bis 1972 war vor allem auch Schriftstellerin.
Das Werk von Dorothea Zeemann, das sehr starke autobiografische Züge trägt ist in der Rezeption zweigeteilt. Während Romane wie das "Rapportbuch" weitgehend ungeachtet waren, wurden Romane wie "Eine Liebhaberin" - eine Art Josefine Mutzenbacher ohne Prostitution, deutlich bekannter. So darf es auch nicht verwundern, dass Zeemann es zu einem Eintrag in die "Encyclopedia of Erotic Literature" von Gaétan Brulotte, John Phillips (CRC Press, 2006) schaffte.
Zu ihren bekanntesten Werken zählen ihre tatsächlichen Autobiografien: "Einübung in Katastrophen - Leben zwischen 1913 und 1945", das 1979 erschienen ist, sowie das drei Jahre später publizierte Buch "Jungfrau und Reptil - Leben zwischen 1945 und 1972". Der Bekanntheitsgrad dieser Bücher stützt sich auf die Bekanntschaft mit Doderer und, wie bei ihrem späten Romanen auch, auf die sexuell offenen Schilderungen – was Ende der 70er, Anfang der 80er noch ein gewisser Tabubruch darstellte, besonders aus der Feder einer Frau. 1991 erscheint ihre letzter Roman zu Lebzeiten "Eine Reise mit Ernst." Gerald Schmickl zu "Eine Reise mit Ernst":
"So fährt sie ihren alten Freund Ernst, einen marxistischen Psychologen, zu einem Vortrag nach Rom. Sie bewundert den asketischen Intellektuellen, liebt ihn auch, bemuttert ihn, umsorgt ihn. Und sie erzählt davon - allerdings nur en passant; die Erzählung franst sich aus, verliert sich in Erinnertem, Reflektiertem, Herbeigedachtem und Hinweggewünschtem. Die Bewunderung für Ernstens Intellektualität schlägt sich affirmativ auf den Text nieder: Er streunt ziellos reflektierend umher." (DIE ZEIT, 18.10.1991 Nr. 43)
2009 erscheint der Briefwechsel zwischen Heimito von Doderer und Dorothea Zemann unter dem Titel "Geliebte Heimita" (Herausgeber sind Thomas Eder und Klaus Kastberger). Ihre Kurzgeschichten, wie auch ihre Erzählungen sind realistische Darstellungen. Auf den ersten Blick einfach im Ton und doch von einer gewissen Dichte. Zeemann ist auch zu großer Ironie und Sarkasmus fähig, wenn sie etwa Leni Riefenstahl "als die Gletscherspalte des Dritten Reiches" bezeichnet (Eine Liebhaberin). In ihren Erzählungen spielt Zeemann mit Brüchen, in dem sie hin und wieder "Dinge" beim Namen nennt.
Das Leben der Dorothea Zeemann barg auch mehr als genug Stoff für eine literarische Verarbeitung. Aufgewachsen in Wien, hatte sie noch Kaiser Franz Joseph am Totenbett gesehen, war, wie bereits erwähnt, mit Egon Friedell eng befreundet und mit Heimito von Doderer bis zu dessen Tod zehn Jahre lang liiert. In ihrem Haus gingen Literaten und Künstler von H.C. Artmann und Franz Schuh bis zur Wiener Gruppe (die sie auch publizistisch begleitete) aus und ein, verheiratet war Dorothea Zeemann von 1927 bis zu dessen Tod im Jahre 1949 mit dem Wiener Maler Rudolf Holzinger. Gegen Ende ihres Lebens heiratete Zeemann: diesmal den Elektrotechniker Slaheddine Samaali.
