Der Blazar/Quasar S5 0716+71 im Sternbild Giraffe ist einer der hellsten Quasare am Nordhimmel. Er befindet sich am Ort 07h21m53.4s +71°20'36" (J2000.0) und ist -- guten Nordhorizont vorausgesetzt -- das ganze Jahr über gut zu beobachten. Er sieht im kleinen Fernrohr und auch auf tieferen Aufnahmen sternförmig aus. Das Objekt ist aber der sehr helle aktive Kern einer fernen Galaxie, die vom darin enthaltenen Quasar überstrahlt wird. Als Entfernung fand man früher in der Literatur eine Rotverschiebung von z=0,3, das heisst die Spektrallinien sind um 30 Prozent der Wellenlänge ins Rote verschoben. Das ergibt eine Entfernung von um die 3 Milliarden Lichtjahre (Lichtlaufzeit), je nach den in die Formeln eingesetzten Werten für die Hubble-Konstante und weitere kosmologische Parameter. Trotz der sehr grossen Entfernung kann S5 0716+71 auch in einem kleinen Fernrohr als Lichtpünktchen gesehen werden. Der Quasar muss daher absolut sehr hell sein und ungeheuer stark strahlen.
Zur Entfernungsberechnung kann man den "Cosmology Calculator" von Ned Wright verwenden: http://www.astro.ucla.edu/~wright/CosmoCalc.html
S5 0716+71 schwankte in den letzten Jahren zwischen 13,5 und 14,5mag. Anfang 2004 zeigte das Objekt einen historischen Helligkeitsausbruch bis auf 12,5mag, was es zu einem der hellsten Quasare machte! Durch einen Bericht von Klaus Wenzel auf das Objekt aufmerksam geworden, beobachtete ich einen weiteren Helligkeitsausbruch im März 2004 bis auf 12,3mag.
Hier die Lichtkurve von S5 0716+71, zusammengestellt von Gary Poyner (externer Link):
Lichtkurve: http://www.garypoyner.pwp.blueyonder.co.uk/s50716.html
Im Januar 2005 gelang es nun mehreren Amateurbeobachtern einen der Helligkeitsausbrüche des Blazars recht genau zu verfolgen. Begonnen hat der Ausbruch um den 1.Dez.2004 (JD 2453340): S5 0716+71 war mit etwa 13,8-14,0mag recht schwach. Im Dezember 2004 wurde der Blazar langsam heller, wobei sich einige unregelmässige kleine Änderungen um Zehntel Grössenklassen in den Beobachtungen andeuten. Am 4.Jan.2005 schien er schon recht hell, etwa 12,9-13,0mag hell. Am 6. und 7.Jan.2005 war S5 0716+71 dann voll im Helligkeitsausbruch, 12,3-12,4 bis 12,6mag hell, wie drei Beobachter übereinstimmend berichten. Aber schon am 9.Jan. war die Helligkeit auf 12,8mag gesunken um in den Folgetagen noch weiter bis auf 13,4mag abzunehmen.
Lichtkurve von S5 0716+71 von 1.Dez.2004 bis 20.Jan.2005.
Links sind visuelle Helligkeiten,
unten die Zeit in JD (Julianisches Datum) aufgetragen. JD 2453341 = 2004 Dez.1, 12h UT;
JD2453372 = 2005 Jan.1, 12h UT.
Die Beobachtungen stammen aus dem
Quick Look File
der
AAVSO
(Beobachter:
JCN Jones, Christopher P.; KWO Kriebel, Wolfgang;
MMU Munkacsy, Mark J.; PYG Poyner, Gary; SXN Simonsen, Michael A.),
der deutschen
Deepsky-Mailingliste
(Beobachter: Klaus Wenzel, Stefan Karge, Armin Quante)
und eigenen Beobachtungen.
Interessant sind auch die Beobachtungen zwischen 6. und 9.Jan., bei denen Klaus Wenzel und ich Helligkeitsveränderungen im Bereich von Zehntel Grössenklassen über wenige Stunden vermutet haben; wir beobachteten rein visuell. Eine Literatursuche zeigt, dass dieses Verhalten offenbar schon öfters beobachtet wurde, nicht nur im Radiobereich sondern auch bei optischen Wellenlängen (siehe Artikel von J.Wu et.al. und A.Quirrenbach ).
Da im Zeitraum von wenigen Tagen sich doch sehr merkliche Helligkeitsänderungen von bis zu einer Grössenklasse ereignen, kann das dieses Licht erzeugende Gebiet des Blazars nicht grösser als ein paar wenige Lichttage sein. Zum Vergleich: das Sonnensystem ist etwa einen Lichttag im Durchmesser. Aus diesem gegenüber einer Galaxie sehr kleinen Raumvolumen strahlt der Blazar mit der ungeheuren Leuchtkraft von vielen Milliarden Sonnen. Das deutet auf den derzeit angenommenen "Motor" der Blazare und anderer aktiver galaktischer Kerne hin: ein supermassives Schwarzes Loch. Mehr dazu ist im "Lexikon der Astrophysik" von Andreas Müller nachzulesen: Eintrag zu Blazaren; Eintrag zu AGN.
Bei Testbeobachtungen mit unserem
Astroverein
auf der
Purgathofer-Sternwarte
konnte ich zusammen mit Edda Pressberger und Manfred Stoll
mit dem 1m RC-Teleskop bei noch ohne Filter verwendeter CCD-Kamera einige
für die Photometrie brauchbare Aufnahmen des Objekts machen:
2005 Jan.16, 20h10 MEZ = JD 2453387.2984: Helligkeit 13,32 ± 0,02mag (CCD ungefiltert).
Kamera: CCD Photometrics CH-250.
Norden ist oben, das Bild ist etwa 9x9 Bogenminuten gross.
Hier die gleiche Aufnahme mit markiertem Blazar:
Karten mit Vergleichssternen für Helligkeitsschätzungen und Photometrie:
Daten:
Lichtkurven:
Ausgewählte Literatur zu S5 0716+71 die online lesbar ist:
Beobachtungsberichte:
Diese Seite: http://home.pages.at/vollmann/s5_0716_71.htm
Meine Quasar-Seite: http://home.pages.at/vollmann/quasare.htm
Homepage: http://home.pages.at/vollmann